Hawkman: Der Tod von Hawkman

© DC Comics

„Bis im nächsten Leben.“

Es ist schon eine ganze Weile her, seitdem der geneigte Comic-Leser einen Hawkman Band aus dem Hause Panini in den Händen halten durfte. Für eine regelmäßigere Veröffentlichungsweise und vor allem für Formate abseits des Megabandes reicht der Bekanntheitsgrad dieser Figur normalerweise leider einfach nicht aus. Umso euphorischer zeigte sich die Lesergemeinschaft, als Panini ankündigte, die Mini-Serie, Der Tod von Hawkman, welche von Marc Andreyko, Aaron Lopresti und Rodney Buchemi gestaltet wurde, in einem abgeschlossenen Band zu veröffentlichen. Erfahrene Leser wissen, dass es die Ohren zu spitzen gilt, wenn der Stuttgarter Verlag zu solch Aktionen bereit ist. Denn üblicherweise stehen die Ereignisse so einer Geschichte im direkten Zusammenhang zu einer anderen, weit größeren Storyline oder gar einem Event. Dieser Band bildet hier keine Ausnahme und kann durchaus als eine Art Vorgeplänkel zum bald anstehenden Batman-Event Metal gesehen werden.

Obwohl der recht plakative Titel schon einiges vorwegnimmt, darf man sich nach dem ersten Kapitel dieses sechs-teiligen Abenteuers bereits auf eine bekannte Ausgangssituation einstellen, die sicherlich einigen Altlesern bekannt ist; Neueinsteiger aber keineswegs überfordert. Im Mittelpunkt steht die ewig alte Fehde zwischen Rann, der zweiten Heimat von Adam Strange, und Thanagar, dem Herkunftsort von Katar Hol alias Hawkman. Diese Auseinandersetzung, die es vor Jahren schon einmal gab, ist offenbar noch nicht ausgestanden und es scheint so, als ob sich die Fronten nach einem Anschlag auf Rann noch einmal verhärten würden. Dass hinter dieser Attacke ein weiterer alter Bekannter steckt, der seine Kräfte für ein böses Spiel einsetzt, wird zwar dem Leser, nicht aber den beteiligten Figuren, schnell klar. Und so bahnt sich eine mittlere Katastrophe an, die in einem großen Krieg enden könnte.

Der Versuch des Kreativ-Teams eine Space-Opera mit den Kernelementen einer Buddy-Story zu verknüpfen, funktioniert in diesem Band leider nur stellenweise. Die oftmals plumpen Dialoge wechseln zwischen einer rauen, unangemessenen Härte und blassem Witz, was zeitweise für Irritationen sorgt. Die Stärken des Bandes liegen daher (leider) nicht in der Geschichte selbst, sondern entfalten sich erst, wenn man das Ganze als das erkennt, was er nun einmal ist: Die Einführung in ein neues Event. Zwar könnte man argumentieren, dass die Story, bis auf ihr Ende, nicht viel über das kommende Batman-Spektakel preisgibt, allerdings findet man durchgehend einzelne Brotkrümel, die einfach Lust auf mehr machen. Allen voran die Erkenntnisse zum außerirdischen Nth-Metall welches, so viel schon einmal vorweg, in den kommenden Monaten eine entscheidende Rolle spielen wird, rechtfertigen die Lektüre dieses Bandes. Überdies hinaus ist das hier zwar nicht der große Wurf, viel falsch machen kann man mit dem Band allerdings auch nicht, da man (endlich) wieder tolle Figuren wie Hawkman oder Adam Strange zu Gesicht bekommt.

Die Entscheidung von Panini den Band doch zu bringen und ihn als Vorgeschichte zu Batman: Metal einzustufen, ist sicherlich, vor allem für Komplettisten, zu begrüßen. Die Tatsache, dass man in einem abgeschlossenen Band sehr viel über die Figuren, als auch über Elemente erfährt, die in naher Zukunft tonangebend sein werden, retten auch über den nicht ganz geglückten Plot hinweg und machen Der Tod von Hawkman zu einem Band, den man schon mitnehmen sollte, wenn man sich das kommende Batman-Event geben will. Und ganz ehrlich, wer will das nicht.

BEWERTUNG: 3 1/2 von 5 Sternen

Titel: Der Tod von Hawkman
Verlag: Panini Comics
Format: Softcover
Originalausgaben: US The Death of Hawkman #01-06
Autor: Marc Andreyko
Zeichner: Aaron Lopresti & Rodney Buchemi
ISBN: 978-3-7416-0701-1

Nameless

© Nameless


„Nichts ist real.“

Kaum jemand schafft es, seine Leser derart zu fordern wie Grant Morrison. Unter der Vielzahl seiner Geschichten, die das komplette Genre-Spektrum abdecken, finden sich sowohl klassische Superhelden-Stories wie sein mittlerweile legendärer Batman-Run als auch Stories von weitaus unbekannteren Helden wie Animal Man oder gar die Doom Patrol. Stets darauf bedacht, die für ihn wichtigen Thematiken zu abstrahieren und in den unterschiedlichsten Kontexten neu zu erschaffen, setzt Morrison, in beinahe all seinen Werken, auf den Intellekt und den Willen seines Publikums. Es ist unbestritten, dass dieser Mann für zahlreiche Meilensteine innerhalb des Genres verantwortlich ist und durch sein Zutun die Grenzen des Comics getestet und letztlich sogar gedehnt hat. Ebenso kann man pauschal anführen, dass ein Werk aus der Feder Grant Morrisons nicht unbedingt für den schnellen Genuss bestimmt ist, sondern durchaus zum wiederholten Lesen einlädt. So verhält es sich auch mit dem vorliegenden Werk, Nameless, dass der gebürtige Schotte gemeinsam mit dem begnadeten Zeichner Chris Burnham in die Welt gesetzt hat. Was die beiden hier präsentieren, lässt sich wohl am ehesten als eine okkulte Horror-Story beschreiben, welche im Weltall seinen Ursprung nimmt und die Leserschaft auf einen psychedelischen Trip einlädt, den es nicht so schnell vergessen wird.

Ein gigantischer Asteroid, welcher Xibalba genannt wird, rast mit höllischer Geschwindigkeit auf die Erde zu und wird diese in exakt 33 Tagen erreichen. Nicht ganz unbegründet stammt der Name dieses Ungetüms aus dem Vokabular der Maya und beschreibt nichts anderes als deren Vorstellung der Unterwelt, dem Ort des Schreckens. Ein exzentrischer Milliardär namens Paul Darius stellt daraufhin eine Crew zusammen und schickt eben diese ins Weltall, um die Welt vor dem Untergang zu retten. Teil dieses Teams ist auch ein Experte für den Bereich des Okkulten und der dunklen Künste, der auf den Namen Nameless hört und versuchen soll, das Böse auf diesem Asteroiden zu stoppen. Die Mission, welche von Beginn an durch brutale Ereignisse gekennzeichnet ist, entpuppt sich schnell als Himmelfahrtskommando und die Crew erkennt relativ rasch, dass dies kein gewöhnlicher Planetoid ist. Was als Abenteuer-Expedition begonnen hat, entwickelt sich schlussendlich zu einem abnormalen Kampf um Leben und Tod.

Wie üblich für viele seiner Werke lässt sich auch dieser Morrison-Titel schwer in eine Schublade stecken. In erster Linie jedoch handelt es sich bei Nameless vor allem um einen paranormalen Höllenritt, der sich Anleihen aus den unterschiedlichsten Ecken der Medienlandschaft holt. Einer stark an Armageddon erinnernden Space-Atmosphäre wird in großer Menge okkulter und teilweise haarsträubender Zauber hinzugefügt, um das Ganze in einem neuen Licht zu präsentieren. Morrsions’ Ideen sind nicht neu, aber dennoch an vielen Stellen treffend, um das von ihm gewünschte Maß an Irritation zu erzeugen. Ohne die Vorstellungskraft des Meisters schmälern zu wollen, muss man an dieser Stelle dennoch anmerken, dass diese Geschichte Großteils ausschließlich vom fantastischen Artwork von Chris Burnham lebt. Dieser schafft es, die teilweise doch arg verdrehten Ideen Morrisons einzufangen und dessen Abstraktheit detailgenau auf die Seiten zu zaubern. Nathan Fairbairns Farbwahl, die irgendwo zwischen konservativ und verrückt anzusiedeln ist, gibt dem Ganzen zusätzlich eine vertraute Note, die das Werk da und dort elegant ausbalanciert. So subtil Morrison üblicherweise seine Brotkrümel streut, so sehr hämmert er in diesem Band seine Botschaften repetitiv in die Hirne seiner Leser. Auch der durchaus ansprechende Plot, welcher an sich jegliche Interpretation zulässt, mag an dieser Stelle nicht darüber hinwegtäuschen, dass Nameless eine zentrale, wenn auch verstörende, Botschaft an sein Publikum richtet, die offenbar gehört werden soll.

Dass Cross Cult dem Band einen dermaßen edlen Einband mit reflektierenden Akzenten spendiert, spricht einmal mehr für die hervorragende Verlagspolitik der Ludwigsburger und wird dem Ganzen schließlich auch gerecht. Wer Grant Morrison bisher bedingungslos in dessen verspielte Phantasie gefolgt ist, der wird unter Garantie auch diesen Band lieben. Der Rest sei an dieser Stelle allerdings gewarnt, denn stellenweise lehnt sich der Gute hier ein Spur zu weit aus dem Fenster, was der Story zwar keinen Abbruch tut, den Leser allerdings nahe an die Frustrationsgrenze treibt.

BEWERTUNG: 3 von 5 Sternen

Titel: Nameless
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Namelesss #01-06
Autor: Grant Morrison
Zeichner: Chris Burnham & Nathan Fairbairn
ISBN: 978-3-95981-426-3

Batman/Flash: The Button

© DC

Niemand wird uns retten!“

Als DC Comics unter der Leitung von Geoff Johns beschloss, einmal mehr ihr gesamtes Universum umzukrempeln und mit dem DC Rebirth Special die dafür erforderliche Basis schuf, dauerte es nicht lange, bis die ersten kritischen Stimmen laut wurden. Zu groß war wohl die Verwunderung vieler eingesessener Leser, dass das amerikanische Verlagshaus tatsächlich bereit war, Alan Moore’s Meisterwerk, Watchmen, in den Superhelden-Kosmos einzubinden. Der spürbaren Enttäuschung folgte Unverständnis und vor allem eine kollektive Ratlosigkeit. Denn obwohl sich das Rebirth Special verkaufte wie warme Semmeln und binnen Tagen komplett vergriffen war, wollte einfach niemand so richtig verstehen, was DC zu so einem drastischen Schritt getrieben hatte. Als jedoch die Fangemeinde anschließend Monat für Monat mit fantastischen Serien versorgt wurde, war der Ärger bald verflogen und der Aufstand samt Mistgabeln und Fackeln wurde erst einmal auf später verschoben. Nun, fast 12 Monate später, soll der Gordische Knoten nun endgültig gelöst werden und Antworten auf die Fragen geliefert werden, welche Geoff Johns so zahlreich aufgeworfen hat. Den Beginn macht ein spektakuläres Batman/Flash Crossover, welches sich dem Mysterium rund um den in der Bat-Höhle entdeckten Watchmen Smiley widmet. Wie gewohnt sehr leserfreundlich packt Panini Comics die vier US – Ausgaben in zwei Hefte und zaubert so auch dem geneigten Gelegenheits-Leser ein Lächeln ins Gesicht.

Alles beginnt mit einem nachdenklichen Bruce Wayne, der mit vertraut finsterer Miene versucht, die Bedeutung des seltsamen Smileys zu entschlüsseln. Als es zu einer eigenartigen Reaktion mit der Maske des Psycho Piraten kommt und Bruce auf einmal seinen Vater vor sich sieht, kontaktiert er Barry Allen und bittet diesen um Unterstützung. Wie aus dem Nichts taucht allerdings ein unerwarteter Gegenspieler, der Reverse Flash, auf und verwickelt Batman in einen epischen Kampf. Noch bevor Barry eintrifft findet der Schurke allerdings im „Button“ seinen Meister und wird von dem kleinen gelben Anstecker auf erschreckende Weise aus dem Leben gerissen. Die weiteren Kapitel führen den Leser danach in vertrauter Flash-Manier durch Paralleluniversen und verweisen auf bereits zurückliegende Events, wie etwa dem Flashpoint. Als am Ende der totgeglaubte Eobard Thawne erneut in Erscheinung tritt und ein (sehr) alter Bekannter die Bühne betritt, vermag man als Leser schon zu ahnen, in welche Richtung die Reise geht. Der Epilog hat es dann noch einmal gehörig in sich und fügt dem Puzzle einen weiteren Stein hinzu, ohne jedoch das komplette Bild freizulegen.

Tom King und Joshua Williamson schlagen in dieser Story nun erstmals wieder eine komplette Brücke zur Einleitung des DC Rebirths. Geoff Johns’ Grundidee von der Implementation der Watchmen wird hier zwar fortgeführt, allerdings werden bisherige Andeutungen nur verstärkt, anstatt (an-) greifbare Fakten zu liefern. Beide Autoren verstehen es, das Skript harmonisch abzustimmen und somit entsteht eine dynamische Geschichte, in der jeder Figur entsprechend Raum geboten wird. Zeichnerisch sind alle vier Ausgaben jedem Zweifel erhaben, denn sowohl Jason Fabok als auch Howard Porter erläutern hier eindrucksvoll, warum sie zur absoluten Elite gehören. Hier ist von der Thematik, welche im Artwork etabliert wird, sicherlich die erste Ausgabe hervor zu streichen. Durch den Einsatz eines „9-Grid-Panel“ Layouts, welches man immer wieder in Kings Geschichten findet, wird die Zeit, als Konzept, eindrucksvoll greifbar gemacht. Die reguläre Abfolge von gleich großen Panels erzeugt einen pulsierenden Rhythmus beim Lesen, der zielgerichtet auf ein unausweichliches Ende zusteuert. Die kontrastiven Schauplätze, die auch in der Kolorierung sichtbar werden, und der Gegensatz von Gewalt und Ruhe etablieren eine kompakte und spannungsgeladene Geschichte, welche vor allem durch die Optik transportiert wird; ein Paradebeispiel für die komplexe Funktionsweise der neunten Kunst.

The Button ist vielleicht nicht die Enthüllungsgeschichte, die sich so mancher nach der langen Warterei gewünscht hätte, es handelt sich allerdings auch nicht um einen blassen Lückenfüller. Die vier vorliegenden Ausgaben liefern neben einer großartigen Batman/Flash Geschichte und einer zeichnerischen Meisterleistung einen weiteren, behutsam gesetzten Schritt in Richtung einer schier unausweichlichen Begegnung. Dass die Watchmen, oder zumindest einige von ihnen, früher oder später auftauchen werden, scheint so gut wie sicher. Den steinigen Weg, den Geoff Johns hier eingeschlagen hat, meistert er allerdings besser als ursprünglich vermutet. So dürfen sich Leser und Fans weiterhin freuen und Theorien spinnen; spätestens mit Doomsday Clock sollte dann aber die Katze aus dem Sack gelassen werden.

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Titel: Batman/Flash: The Button
Verlag: Panini Comics
Format: Einzelheft
Originalausgaben: US Batman #21-22, US The Flash #21-22;
Autor: Tom King & Joshua Williamson
Zeichner: Jason Fabok & Howard Porter

Paper Girls 3

© Paper Girls #11


Die Nerds hatten recht. Y2K passiert wirklich.“

Die Lektüre von Paper Girls (Anm.d.Red: Die Rezension von Band 2 kann man hier nachlesen. Spoilergefahr droht überall.) lässt sich am besten mit einer Fahrt auf dem Kettenkarussell in einem Vergnügungspark beschreiben. Während zu Beginn Neugier, Nervenkitzel und eine leichte Nervosität überwiegen, folgt dicht darauf der Start, welcher Tür und Tor für einen Endorphin-Cocktail öffnet. Erst nach der Fahrt, wenn sich der Puls wieder auf ein normales Niveau einpendelt und der Angstschweiß getrocknet ist, beginnt man tatsächlich zu realisieren, was denn gerade passiert ist. Nervosität und Angst weichen einer gewissen Selbstsicherheit und obwohl man denkt, alles erlebt zu haben, wird man von Fahrt zu Fahrt immer wieder aufs Neue in Ekstase versetzt. So und nicht anders lässt sich wohl der Erfolg der Besitzer dieses metaphorischen Kettenkarussells beschreiben, denn Brian K. Vaughan und Cliff Chiang liefern auch mit dem bereits dritten Band der preisgekrönten Serie ein Sci-Fi Erlebnis, welches alle Regeln außer Kraft setzt. Also schließt die Sicherheitsbügel und haltet euch fest: Die Fahrt beginnt.

Nachdem Erin, Mac und Tiffany nun endlich wieder mit KJ vereint sind, müssen die vier Mädchen feststellen, dass sie das Zeitfenster, in das sie gesprungen waren, nicht wie erhofft in das Jahr 1988 zurückbrachte. Stattdessen finden sich die Heldinnen allesamt in einer abgedrehten Urzeit wieder, die, wie sollte es auch anders sein, voll verrückter Überraschungen steckt. Zu allem Überfluss wird die Gruppe nach einem Angriff erneut getrennt und Erin und Tiffany müssen versuchen Mac und KJ vor den mysteriösen drei Männern zu retten, die in dieser Zeit Angst und Schrecken verbreiten. Unterstützung erhalten sie hierbei von der jungen Mutter Wari und einer weiteren Zeitreisenden. Ob sie wohl die Fragen der Mädchen beantworten kann?

Auch im dritten Teil der Serie, die im handlichen Hardcover-Format bei Cross Cult erscheint, bleibt Vaughan seiner Linie treu und lässt seine Protagonistinnen immer tief in einen Sumpf voller Rätsel waten. Stets darauf bedacht der Leserin alles abzuverlangen, ohne sie dabei zu überfordern oder gar komplett zu verwirren, schmückt der talentierte Kanadier die Geschichte mit knackigen Dialogen und vergnügten Pop-Referenzen, die sich von Stephen King bis hin zu Calvin und Hobbes erstrecken. Das breit gespannte Netz der Verwirrung, welches sicherlich bewusst über einen oberflächlich simpel erscheinenden Plot gespannt wird, lässt dennoch Raum für tiefgreifende Einblicke in das Bewusstsein der einzelnen Figuren. Körperliche und seelische Entwicklungsschritte auf dem Weg zum Erwachsensein sind ebenso Thema wie Antisemitismus und Sexismus. In einer unaufgeregten und nüchternen Art und Weise bauen Vaughans Texte und Chiangs fantastisch-anmutenden Zeichnungen vier starke weibliche Teenager auf, die weitaus mehr sind als einfache Zeitungsmädchen aus Ohio.

Möchte man das Haar in der Suppe finden, so könnte man anmerken, dass der komplexe Aufbau der Geschichte etwas das Tempo nimmt. Die Zeit, die sich Vaughan nimmt, um seine Figuren auszuformulieren und das stetige World-building fordern im dritten Band nun erstmals ihren Tribut und bremsen den Leser erst einmal aus. Auch im Bezug auf offene Fragen liefern diese 5 US – Issues vorläufig keine wirklich erwähnenswerten Erkenntnisse.

Dass Vaughan allerdings weiß, was er tut und hinter diesem Wirrwarr ein fein durchdachter Plan steht, dürfte hinlänglich bekannt sein. Einem Autor seines Kalibers, der seit Jahren mit Preisen überhäuft wird, schenkt man somit gerne ein paar Vorschusslorbeeren. So oder so, die Paper Girls muss man einfach lieben!

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Titel: Paper Girls
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Paper Girls #11-15
Autor: Brian K. Vaughan
Zeichner: Cliff Chiang & Matt Wilson
ISBN: 978-3-95981-561-1

Secret Empire 1

© Secret Empire


Wir sollen Helden sein. Wir sollen für etwas stehen.“

Nun ist es also soweit: Das mit Spannung erwartete Blockbuster-Event aus dem Marvel Kosmos erreicht mit diesem Heft auch den deutschsprachigen Raum. In der 100-seitigen Erstausgabe, zu der Panini Comics einige schicke Variant-Cover anbietet, fällt nun endgültig der Vorhang und somit auch der Startschuss für eine Geschichte, deren Grundstein in der Avengers Storyline Standoff! gelegt wurde. Nick Spencer, das verantwortliche Mastermind und aktueller Autor der heftig diskutierten Captain America: Steve Rogers Serie, präsentiert uns in Secret Empire ein totalitär geführtes Amerika, welches unter der erdrückenden Kontrolle von Hydra steht. Durch einen ausgeklügelten und schleichenden Putsch, der nicht besser hätte geplant sein können, lässt die einst für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfende Figur des Captain America endgültig seine Maske fallen und übernimmt mit einem Schlag die komplette Kontrolle über die USA. Die viel kritisierte Wandlung dieser amerikanischen Ikone, die vielen Lesern einen kalten Schauer über den Rücken jagt, folgt allerdings einem durchdachten, wenn auch schmerzhaften, Konzept und ist alles andere als willkürlich. Aber stellen wir die Uhren noch einmal zurück: Pleasant Hill!

Als die damalige S.H.I.E.L.D. Direktorin, Maria Hill, mit der Hilfe des kosmischen Würfels Kobik ein neues Superschurkengefängnis schuf, um dort ehemalige Straftäter in friedliche Vorstadtbürger zu verwandeln, nahm das Unheil seinen Lauf. Der Red Skull nutzte diese Möglichkeit und brachte die menschliche Version von Kobik dazu, Steve Rogers’ komplette Vergangenheit umzuschreiben und ihn zu einem Hydra-Agenten zu machen. Als verdeckter Spion infiltriert Captain America nun die (Superhelden-) Gemeinschaft und positioniert nach und nach die einzelnen Figuren auf einem rücksichtslosen Spielfeld der Macht. Die genauen Details hierzu erzählt Spencer in der Captain America: Steve Rogers Solo-Serie, zu der gerade der vierte Band erschienen ist.

Das Event knüpft nun genau an diesem Punkt an und zeigt in erschreckender Manier, mit welcher Präzision die Hydra Organisation unter der Leitung von Cap agiert. Gnadenlos nutzt Rogers die von ihm geschaffene Unruhe und die Spaltung der Gesellschaft aus und erhöht zunehmend den Druck auf die Heldengemeinschaft, indem er verdeckt zeitgleich stattfindende Krisenherde schafft, die kaum zu bewältigen sind. Ob es nun eine wütende Chitauri Flotte aus dem All ist oder aber aufständische Insassen von Pleasant Hill halb New York verwüsten, der Oberbefehlshaber von Hydra spinnt gekonnt seine Intrigen und lässt im passenden Moment die Falle zuschnappen.

Ein Kapitel weiter wird der Leser mit einem Zeitsprung konfrontiert und erlebt aus nächster Nähe das neue Hydra Regime, welches von einem Kabinett aus Schurken unter der Leitung von Captain America regiert wird. Der Missbrauch von öffentlichen Einrichtungen, um seine Propaganda zu verbreiten, sowie die Verfolgung und Deportierung Andersdenkender gehören von nun an zum Alltag im glorreichen Amerika. Als sich das Oberhaupt am Ende den Wünschen seiner Berater beugt und sich zu schier undenkbaren Schritten hinreißen lässt, stockt auch dem tapfersten Leser endgültig der Atem. Der einzig zulässige Schluss lautet: Die USA, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr.

Marvel war schon immer bekannt dafür, gesellschaftliche Entwicklungen in ihren Geschichten wiederzugeben. Auch wenn Autor und Führungsebene nicht müde werden, jegliche Verbindung zu aktuellen Geschehnissen zu bestreiten, so muss man kein Genie sein, um Secret Empire als das zu begreifen, was es nun einmal ist: Eine erschreckende Allegorie auf unsere Zeit. Trotz des massiven Aufschreis der Fangemeinde rund um die Entwicklungen von Captain America, muss man sich nach der Lektüre durchaus eingestehen, dass Nick Spencer hier weder eine Legende beschmutzt, noch die Grundidee der Figur ad absurdum führt. Vielmehr destilliert der gewiefte Autor einen zutiefst verstörenden Gedanken und präsentiert diesen als erschreckende Wahrheit. Gut verpackt in eine fiktionale Welt lässt er nun den ehemals gefeierten Helden als brutalen Herrscher auftreten. Die Symbolik hierin könnte kaum stärker sein. Secret Empire ist sicherlich vieles, aber mit Sicherheit kein normales Marvel-Event. Aufgrund der vorherrschenden Thematik und der intensiven Auseinandersetzung mit den Grundwerten einer Gesellschaft, richtet sich dieser Comic in erster Linie an fühlende und denkende Menschen. Die Superhelden-Leser werden hier keineswegs enttäuscht werden und dennoch bleibt zu hoffen, dass auch der ein oder andere Marvel-Muffel zugreift. Es lohnt sich!

BEWERTUNG: 5 von 5 Sternen

Titel: Secret Empire 1
Verlag: Panini Comics
Format: Heft-Format
Originalausgaben: US FCBD 2017: Secret Empire, Secret Empire #0-#01
Autor: Nick Spencer
Zeichner: Steve McNiven, Andrea Sorrentino, Daniel Acuña