Secret Empire 1

© Secret Empire


Wir sollen Helden sein. Wir sollen für etwas stehen.“

Nun ist es also soweit: Das mit Spannung erwartete Blockbuster-Event aus dem Marvel Kosmos erreicht mit diesem Heft auch den deutschsprachigen Raum. In der 100-seitigen Erstausgabe, zu der Panini Comics einige schicke Variant-Cover anbietet, fällt nun endgültig der Vorhang und somit auch der Startschuss für eine Geschichte, deren Grundstein in der Avengers Storyline Standoff! gelegt wurde. Nick Spencer, das verantwortliche Mastermind und aktueller Autor der heftig diskutierten Captain America: Steve Rogers Serie, präsentiert uns in Secret Empire ein totalitär geführtes Amerika, welches unter der erdrückenden Kontrolle von Hydra steht. Durch einen ausgeklügelten und schleichenden Putsch, der nicht besser hätte geplant sein können, lässt die einst für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfende Figur des Captain America endgültig seine Maske fallen und übernimmt mit einem Schlag die komplette Kontrolle über die USA. Die viel kritisierte Wandlung dieser amerikanischen Ikone, die vielen Lesern einen kalten Schauer über den Rücken jagt, folgt allerdings einem durchdachten, wenn auch schmerzhaften, Konzept und ist alles andere als willkürlich. Aber stellen wir die Uhren noch einmal zurück: Pleasant Hill!

Als die damalige S.H.I.E.L.D. Direktorin, Maria Hill, mit der Hilfe des kosmischen Würfels Kobik ein neues Superschurkengefängnis schuf, um dort ehemalige Straftäter in friedliche Vorstadtbürger zu verwandeln, nahm das Unheil seinen Lauf. Der Red Skull nutzte diese Möglichkeit und brachte die menschliche Version von Kobik dazu, Steve Rogers’ komplette Vergangenheit umzuschreiben und ihn zu einem Hydra-Agenten zu machen. Als verdeckter Spion infiltriert Captain America nun die (Superhelden-) Gemeinschaft und positioniert nach und nach die einzelnen Figuren auf einem rücksichtslosen Spielfeld der Macht. Die genauen Details hierzu erzählt Spencer in der Captain America: Steve Rogers Solo-Serie, zu der gerade der vierte Band erschienen ist.

Das Event knüpft nun genau an diesem Punkt an und zeigt in erschreckender Manier, mit welcher Präzision die Hydra Organisation unter der Leitung von Cap agiert. Gnadenlos nutzt Rogers die von ihm geschaffene Unruhe und die Spaltung der Gesellschaft aus und erhöht zunehmend den Druck auf die Heldengemeinschaft, indem er verdeckt zeitgleich stattfindende Krisenherde schafft, die kaum zu bewältigen sind. Ob es nun eine wütende Chitauri Flotte aus dem All ist oder aber aufständische Insassen von Pleasant Hill halb New York verwüsten, der Oberbefehlshaber von Hydra spinnt gekonnt seine Intrigen und lässt im passenden Moment die Falle zuschnappen.

Ein Kapitel weiter wird der Leser mit einem Zeitsprung konfrontiert und erlebt aus nächster Nähe das neue Hydra Regime, welches von einem Kabinett aus Schurken unter der Leitung von Captain America regiert wird. Der Missbrauch von öffentlichen Einrichtungen, um seine Propaganda zu verbreiten, sowie die Verfolgung und Deportierung Andersdenkender gehören von nun an zum Alltag im glorreichen Amerika. Als sich das Oberhaupt am Ende den Wünschen seiner Berater beugt und sich zu schier undenkbaren Schritten hinreißen lässt, stockt auch dem tapfersten Leser endgültig der Atem. Der einzig zulässige Schluss lautet: Die USA, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr.

Marvel war schon immer bekannt dafür, gesellschaftliche Entwicklungen in ihren Geschichten wiederzugeben. Auch wenn Autor und Führungsebene nicht müde werden, jegliche Verbindung zu aktuellen Geschehnissen zu bestreiten, so muss man kein Genie sein, um Secret Empire als das zu begreifen, was es nun einmal ist: Eine erschreckende Allegorie auf unsere Zeit. Trotz des massiven Aufschreis der Fangemeinde rund um die Entwicklungen von Captain America, muss man sich nach der Lektüre durchaus eingestehen, dass Nick Spencer hier weder eine Legende beschmutzt, noch die Grundidee der Figur ad absurdum führt. Vielmehr destilliert der gewiefte Autor einen zutiefst verstörenden Gedanken und präsentiert diesen als erschreckende Wahrheit. Gut verpackt in eine fiktionale Welt lässt er nun den ehemals gefeierten Helden als brutalen Herrscher auftreten. Die Symbolik hierin könnte kaum stärker sein. Secret Empire ist sicherlich vieles, aber mit Sicherheit kein normales Marvel-Event. Aufgrund der vorherrschenden Thematik und der intensiven Auseinandersetzung mit den Grundwerten einer Gesellschaft, richtet sich dieser Comic in erster Linie an fühlende und denkende Menschen. Die Superhelden-Leser werden hier keineswegs enttäuscht werden und dennoch bleibt zu hoffen, dass auch der ein oder andere Marvel-Muffel zugreift. Es lohnt sich!

BEWERTUNG: 5 von 5 Sternen

Titel: Secret Empire 1
Verlag: Panini Comics
Format: Heft-Format
Originalausgaben: US FCBD 2017: Secret Empire, Secret Empire #0-#01
Autor: Nick Spencer
Zeichner: Steve McNiven, Andrea Sorrentino, Daniel Acuña