Extremity Band 1

© Extremity Band 1

Zu welcher Melodie inspiriert dich das?“

Laut Marshall Mc Luhan beeinflusst das Medium selbst die Art und Weise, wie wir Dinge wahrnehmen. In seinem Buch The Medium is the Message erläutert der kanadische Kommunikationstheoretiker, wie Medien unsere Wahrnehmung beeinflussen und die Rezeption einzelner Inhalte steuern. Dieser Aspekt wurde mir einmal mehr bewusst, nachdem ich das aktuelle Werk von Daniel Warren Johnson in den Händen hielt. Extremity 1 wirkt auf den ersten Blick wie eine blutrünstige postapokalyptische Endzeitgeschichte, die eine gnadenlose Vendetta thematisiert. Dass allerdings unter der von Brutalität gekennzeichneten Kruste eine zutiefst fragile Wahrheit schlummert, macht diesen Titel zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis, welches direkt auf unseren Wertekompass abzielt und unsere moralischen Grenzen aufs „Extremste“ testet.

Theas Leben sollte sich von einem auf den anderen Tag schlagartig ändern. Als die Paznina völlig überraschend die Heimat ihres Clans angriffen und ihrer Familie und der gesamten Gesellschaft schmerzliches Leid zufügten, musste die junge Künstlerin erkennen, dass Leid ein nicht verhandelbarer Bestandteil des Lebens ist. Zum seelischen Schmerz, den der Mord an ihrer Mutter verursachte, kamen auch noch körperliche Qualen, als sie in dieser Schlacht ihrer Hand und somit ihres zeichnerischen Talents beraubt wurde. Seitdem sinnt ihr Clan, allen voran ihr herrschender Vater Jerome, nach Rache und schreckt hierfür vor keiner Gräueltat zurück. Auch Thea und ihr Bruder Rollo sind fester Bestandteil dieses Feldzugs und werden zunehmend ihrer unschuldigen Kindheit beraubt. Es scheint so, als hielte allein der Durst nach Blut Theas Vater am Leben und als er seine Seele endgültig der Dunkelheit zuzuwenden scheint, muss das Geschwisterpaar eine wegweisende Entscheidung treffen: Kann Gleiches wirklich nur mit Gleichem vergolten werden?

Mit Extremity bringt Cross Cult einen Titel auf den deutschen Markt, der allein schon aufgrund des klingenden Titels Neugierde erzeugt. Zurecht wird der Band als „mutige Geschichte“ beworben, der bei genauerer Betrachtung ein weites Spektrum an Emotionen und Eindrücken bündelt. Daniel Warren Johnson, der hier als Zeichner und Autor agiert, befüllt seine schwebende Welt mit heterogenen Figuren, deren eingeschlagener Weg sowohl nachvollziehbar als auch herzzerreißend ist. Das Spiel mit den von der Menschheit geschaffenen moralischen Werten gelingt dem von Chicago aus arbeitenden Künstler ebenso gut wie die Beschäftigung mit dem Thema der Gewalt und deren Folgen für das Individuum und die Gesellschaft. Die temporeiche Geschichte, die aufzeigt, ohne zu bewerten, schmiegt sich trotz futuristischem Kontext elegant in das Panorama unserer Zeit und lässt uns, als fühlende und denkende Wesen, gleichermaßen teilhaben. Johnsons überspitzte Zeichnungen und die stimmungsgeladenen Farben eines Mike Spicers treffen den Nagel Seite für Seite mehrmals auf den Kopf. Mit einem für die Story treffenden Cliffhanger entlässt uns Extremity schließlich wieder in unsere bekannte Welt, die auf einmal blutiger wirkt als vielleicht noch zuvor.

Es fällt mir schwer einen Grund zu finden, diesen Band nicht weiterzuempfehlen. Zu kraftvoll ist dessen Botschaft und zu tief zieht einen die Story in ihren Bann, sodass ich trocken und nüchtern verlautbaren kann: uneingeschränkte Leseempfehlung!

BEWERTUNG: 5 von 5 Sternen

Titel: Extremity
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Extremity #01-06
Autor: Daniel Warren Johnson
Zeichner: Daniel Warren Johnson & Mike Spicer
ISBN: 978-3-95981-589-5

 

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