Runaways

© Runaways

Ich mag Bücher über Monster. Na und …?“

Dass Brian K. Vaughan in der Lage ist Comics zu schreiben, verdeutlicht nicht nur sein mittlerweile prall gefüllter Trophäenschrank, sondern vor allem der massive Zuspruch von seinen wichtigsten Kritikern, den Fans. Ob man nun die imposante Space-Opera Saga als Beispiel heranzieht oder einfach seine kultig-abgefahrene Teenager-Storie Paper Girls zitiert – der Kanadier scheint einfach eine schier grenzenlose Gabe zu besitzen, Leute mit seinen Geschichten zu verzaubern. Da seine aktuellen Titel in aller Munde sind, werden die etwas älteren Arbeiten oftmals vergessen. Dass diese den oben genannten Kassenschlagern aber um nichts nachstehen, dachte sich wohl auch Panini Comics und fasste den Entschluss, eine seiner bewegensten Geschichten, die Runaways, in gesammelter (oder besser gesagt in geballter) Form zu veröffentlichen. Der über 430 Seiten dicke Band, der auch gut und gerne als Telefonbuch durchgehen könnte, beinhaltet eine im Superheldenkosmos angesiedelte Abenteuergeschichte, die mit viel Tiefe, facettenreichen Charakteren und fabelhaften Dialogen zu überzeugen weiß; ein echter Vaughan eben.

Als Alex, Nico, Gertrude, Molly, Chase und Karolina beim jährlichen Benefiztreffen ihrer Eltern zusammenkommen, ahnen sie noch nicht, dass dieser Abend ihr Leben komplett auf den Kopf stellen wird. Wie üblich begeben sich die Erwachsenen für Beratungsgespräche in deren private Gemächer und lassen die Kinder wartend zurück. Dass diese allerdings durch Ungeduld und Neugierde lauschend den Geschehnissen folgen, ist den reichen und scheinbar gutmütigen Eltern zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Unbehelligt gehen diese nämlich ihren „wohltätigen“ Zwecken nach und bemerken erst viel zu spät, dass ihre geheime Sitzung aufgeflogen ist. Frei nach dem Motto „Hilfe, meine Eltern sind Superschurken!“ startet für die sechs „Ausreißer“ an diesem Abend ein spannendes Abenteuer, dessen Reichweite anfänglich weder den Protagonisten, noch dem Leser bewusst ist.

Was beginnt wie eine völlig schablonenhafte Superheldengeschichte, entwickelt sich im Laufe des Bandes zu etwas Großem, das weit über die Genre-Grenzen hinaus einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Wer hier eine stereotypische Gut-gegen-Böse-Geschichte befürchtet, darf beruhigt sein, denn Brian K. Vaughan und die Zeichner Adrian Alphona und Takeshi Miyazawa nutzen die allzu bekannte Hintergrundkulisse perfekt aus, um davor eine berührende Geschichte über Freundschaft, das Erwachsenwerden und das Leben selbst zu inszenieren. Themen wie die Beziehung zu anderen Menschen und der Umgang mit einer problematischen Familienkonstellation bilden das Zentrum einer Geschichte, die so gar nicht in den festgefahrenen Bauplan eines Superhelden-Comics passen will. Ohne das Rad neu zu erfinden, nutzt der kanadische Autor sein Feingefühl und seine spürbare Zuneigung zu seinen Figuren, um dem Ganzen eine konsequente Ehrlichkeit einzuhauchen und somit eine greifbare Welt zu konstruieren. Der Titel, Runaways, hat beinahe symbolischen Charakter und durchzieht diesen Band wie ein seidener Faden, an dem man sich gleichzeitig orientieren als auch aufreiben kann, oder vielleicht sogar soll.

In seiner für ihn typischen Art bricht Brian K. Vaughan auch hier mit der Tradition der einfachen Kausalität. Weder seine Figuren, noch deren Probleme sind durch ein einfaches Aktion-Reaktion-Muster definiert und brechen so mit dem schwarz-weiß Schema, das viele durchaus ansprechende Geschichten wie ein Korsett einschnürt und hemmt.

Runaways ist sicherlich ein Titel, der nicht für das einmalige Lesevergnügen geschrieben wurde. Zu intensiv wirkt die darin beschriebene Welt auf einen selbst und zu sehr kann und will man sich mit den Figuren darin identifizieren. Irgendwo zwischen Coming-of-Age Roman und gnadenlos guter Superhelden-Action kultiviert Vaughan ein unberührtes Örtchen Literatur, auf dem er sein kreatives Können bescheiden, aber demonstrativ zur Schau stellt. Es wäre wahrlich ein Jammer, dies zu verpassen!

BEWERTUNG: 41/2 von 5 Sternen

Titel: Runaways
Verlag: Panini Comics
Format: Softcover (Megaband)
Originalausgaben: US Runaways #01-18
Autor: Brian K. Vaughan
Zeichner: Adrian Alphona & Takeshi Miyazawa

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