Black Hammer 1

© Black Hammer

Es geht nicht mehr nur um Straßengangs und Bankräuber. Die Bedrohungen werden immer größer und gefährlicher.“

Wenn Jeff Lemire ein neues Projekt ankündigt, sollten bei jeder passionierten Comic-Leserin die ästhetischen Fühler weit ausgefstreckt sein. Diese Wahrnehmung innerhalb der Fan-Gemeinde hat sich der kanadische Autor und Zeichner mit Meisterwerken wie Essex County und Roughneck über die Jahre hindurch redlich verdient. Dass Lemire allerdings auch Superhelden schreiben kann, beweist er aktuell gerade wieder einmal, indem er einen hochinteressanten Zugang zu Moon Knight findet und der Figur einen bleibenden Anstrich verpasst. Umso mehr fieberte man seinem neuesten Projekt, Black Hammer, welches im Deutschen beim Splitter-Verlag in einem wunderbaren Hardcover mit reichlich Bonus-Material erscheint, ungeduldig entgegen. Um das Gefühlsbarometer dann endgültig durch die Decke gehen zu lassen, versammelt der hier als Autor fungierende Kanadier Größen wie Dave Stewart, Todd Klein und Dean Ormstrong und schafft somit eine kreative Basis, die ihresgleichen sucht.

Gestrandet auf einer Farm, umrandet von Feldern und der damit verbundenen ländlichen Idylle wissen die sechs Protagonisten nicht wirklich, wie und warum sie hier gelandet sind. Vor nicht allzu langer Zeit kämpfte die heterogene Truppe von Superhelden noch für Recht und Ordnung in ihrer Stadt, bevor sie in einer epischen Schlacht gegen den Anti-Gott wie vom Erdboden verschluckt verschwanden. Nun lebt die totgeglaubte Gemeinschaft mehr oder weniger versteckt in einer für den Großteil befremdlichen Einöde, fernab von der großen Bühne. Abe Slamstein, der sich schnell als eine Art Führungsfigur hervortut, versucht die übrigen Mitglieder, die sich aus der jungen Gail, dem etwas eigenartig wirkenden Colonel Weird, einem Marsianer namens Barbaliern, der Roboter-Dame Talky-Walky, und der mysteriösen Madame Dragonfly zusammensetzen, irgendwie unter Kontrolle zu behalten. Dass dies einer Herkules-Aufgabe gleichkommt und die Fassade an allen Ecken und Enden bröckelt, mag nach den ersten paar Seiten wohl keinen mehr überraschen. Als schlussendlich dann auch noch klar wird, dass nicht alle Bewohner von Spiral City an den Tod der Helden glauben, nimmt die Geschichte rasant eine neue Wendung. Zudem stellt sich immer noch die Frage: Wer war Black Hammer?

Wer Lemires bisherige Projekte kennt, weiß um dessen Liebe zu Kleinstadt-Geschichten und deren Verortung im ruralen Raum. Zudem präsentieren sich von Lemire geschriebene Figuren oftmals mit stark melancholischem Charakter und hohem Identifikationspotenzial. Projiziert man nun diese Aspekte auf Charaktere aus dem Superhelden-Genre und mischt eine ordentliche Portion Literaturgeschichte hinzu, erhält man eine ziemlich genaue Beschreibung der vorliegenden Story. Die hier auftretenden Helden sind allesamt Kinder ihrer Zeit und Lemire, dem das bewusst ist, spielt regelrecht mit den einzelnen Epochen der Comic-Historie. Die kulturelle Verankerung, die beim Leser durchwegs ankommt manifestiert mit einer gewollt-gekonnten Leichtigkeit sowohl auf textueller als auch auf bildlicher Ebene in Form von heroisch-konstruiert wirkenden Dialogen und einem spielerisch-verliebten Detailreichtum in den Panels; alles Eigenschaften, die nur unschwer an das Goldene Zeitalter der Comics erinnern sollen. Lemire belässt es allerdings nicht bei einer simplen Rekontextualisierung, sondern scheut nicht davor zurück, die Reibungspunkte, die durch seine vielschichtigen Figuren entstehen, in das Narrativ einzubetten. Geschickt bricht er immer wieder mit der chronologischen Erzählweise, um mithilfe von Rückblenden charakterbildende Elemente zu implementieren und lässt somit die einzelnen Figuren (direkt) zur Leserin sprechen. Die dadurch vermittelte Gebrochenheit und die tiefe Verunsicherung der Heldengruppe, welche ratlos und rastlos durch ihre Welt wandert, überdeckt die Geschichte, ohne den Plot zu verwässern; wahrlich ein Hochseilakt, der allerdings hier fulminant gelingt.

Mit Dean Ormston hat Lemire den perfekten Zeichner an der Angel, denn der Mann weiß, wie man das lebendige Skript mit fantastischem Detailreichtum noch einmal erhöht. Zu Dave Stewarts Kolorierung muss man wohl nicht mehr viel sagen und auch Todd Kleins einzigartige Begabung im Bereich des Letterings dürfte hinlänglich bekannt sein.

Black Hammer ist eine rundum perfekte Geschichte, die nicht nur durch ihr ausgefeiltes Konzept und die interessanten Charaktere zu glänzen weiß, sondern vielmehr zu einer fantastischen Zeitreise in bereits vergessene Welten einlädt. Ob Jung oder Alt, ob Neu-Einsteiger oder Comic-Dino, hier findet garantiert jeder seinen Spaß. Zwingende Kaufempfehlung!

BEWERTUNG: 5 von 5 Sternen

Titel: Black Hammer: Vergessene Helden
Verlag: Splitter Verlag
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Black Hammer #01-06
Autor: Jeff Lemire
Zeichner: Dean Ormston, Dave Stewart & Todd Klein

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