Black Hammer 1

© Black Hammer

Es geht nicht mehr nur um Straßengangs und Bankräuber. Die Bedrohungen werden immer größer und gefährlicher.“

Wenn Jeff Lemire ein neues Projekt ankündigt, sollten bei jeder passionierten Comic-Leserin die ästhetischen Fühler weit ausgefstreckt sein. Diese Wahrnehmung innerhalb der Fan-Gemeinde hat sich der kanadische Autor und Zeichner mit Meisterwerken wie Essex County und Roughneck über die Jahre hindurch redlich verdient. Dass Lemire allerdings auch Superhelden schreiben kann, beweist er aktuell gerade wieder einmal, indem er einen hochinteressanten Zugang zu Moon Knight findet und der Figur einen bleibenden Anstrich verpasst. Umso mehr fieberte man seinem neuesten Projekt, Black Hammer, welches im Deutschen beim Splitter-Verlag in einem wunderbaren Hardcover mit reichlich Bonus-Material erscheint, ungeduldig entgegen. Um das Gefühlsbarometer dann endgültig durch die Decke gehen zu lassen, versammelt der hier als Autor fungierende Kanadier Größen wie Dave Stewart, Todd Klein und Dean Ormstrong und schafft somit eine kreative Basis, die ihresgleichen sucht.

Gestrandet auf einer Farm, umrandet von Feldern und der damit verbundenen ländlichen Idylle wissen die sechs Protagonisten nicht wirklich, wie und warum sie hier gelandet sind. Vor nicht allzu langer Zeit kämpfte die heterogene Truppe von Superhelden noch für Recht und Ordnung in ihrer Stadt, bevor sie in einer epischen Schlacht gegen den Anti-Gott wie vom Erdboden verschluckt verschwanden. Nun lebt die totgeglaubte Gemeinschaft mehr oder weniger versteckt in einer für den Großteil befremdlichen Einöde, fernab von der großen Bühne. Abe Slamstein, der sich schnell als eine Art Führungsfigur hervortut, versucht die übrigen Mitglieder, die sich aus der jungen Gail, dem etwas eigenartig wirkenden Colonel Weird, einem Marsianer namens Barbaliern, der Roboter-Dame Talky-Walky, und der mysteriösen Madame Dragonfly zusammensetzen, irgendwie unter Kontrolle zu behalten. Dass dies einer Herkules-Aufgabe gleichkommt und die Fassade an allen Ecken und Enden bröckelt, mag nach den ersten paar Seiten wohl keinen mehr überraschen. Als schlussendlich dann auch noch klar wird, dass nicht alle Bewohner von Spiral City an den Tod der Helden glauben, nimmt die Geschichte rasant eine neue Wendung. Zudem stellt sich immer noch die Frage: Wer war Black Hammer?

Wer Lemires bisherige Projekte kennt, weiß um dessen Liebe zu Kleinstadt-Geschichten und deren Verortung im ruralen Raum. Zudem präsentieren sich von Lemire geschriebene Figuren oftmals mit stark melancholischem Charakter und hohem Identifikationspotenzial. Projiziert man nun diese Aspekte auf Charaktere aus dem Superhelden-Genre und mischt eine ordentliche Portion Literaturgeschichte hinzu, erhält man eine ziemlich genaue Beschreibung der vorliegenden Story. Die hier auftretenden Helden sind allesamt Kinder ihrer Zeit und Lemire, dem das bewusst ist, spielt regelrecht mit den einzelnen Epochen der Comic-Historie. Die kulturelle Verankerung, die beim Leser durchwegs ankommt manifestiert mit einer gewollt-gekonnten Leichtigkeit sowohl auf textueller als auch auf bildlicher Ebene in Form von heroisch-konstruiert wirkenden Dialogen und einem spielerisch-verliebten Detailreichtum in den Panels; alles Eigenschaften, die nur unschwer an das Goldene Zeitalter der Comics erinnern sollen. Lemire belässt es allerdings nicht bei einer simplen Rekontextualisierung, sondern scheut nicht davor zurück, die Reibungspunkte, die durch seine vielschichtigen Figuren entstehen, in das Narrativ einzubetten. Geschickt bricht er immer wieder mit der chronologischen Erzählweise, um mithilfe von Rückblenden charakterbildende Elemente zu implementieren und lässt somit die einzelnen Figuren (direkt) zur Leserin sprechen. Die dadurch vermittelte Gebrochenheit und die tiefe Verunsicherung der Heldengruppe, welche ratlos und rastlos durch ihre Welt wandert, überdeckt die Geschichte, ohne den Plot zu verwässern; wahrlich ein Hochseilakt, der allerdings hier fulminant gelingt.

Mit Dean Ormston hat Lemire den perfekten Zeichner an der Angel, denn der Mann weiß, wie man das lebendige Skript mit fantastischem Detailreichtum noch einmal erhöht. Zu Dave Stewarts Kolorierung muss man wohl nicht mehr viel sagen und auch Todd Kleins einzigartige Begabung im Bereich des Letterings dürfte hinlänglich bekannt sein.

Black Hammer ist eine rundum perfekte Geschichte, die nicht nur durch ihr ausgefeiltes Konzept und die interessanten Charaktere zu glänzen weiß, sondern vielmehr zu einer fantastischen Zeitreise in bereits vergessene Welten einlädt. Ob Jung oder Alt, ob Neu-Einsteiger oder Comic-Dino, hier findet garantiert jeder seinen Spaß. Zwingende Kaufempfehlung!

BEWERTUNG: 5 von 5 Sternen

Titel: Black Hammer: Vergessene Helden
Verlag: Splitter Verlag
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Black Hammer #01-06
Autor: Jeff Lemire
Zeichner: Dean Ormston, Dave Stewart & Todd Klein

Kill or be killed Band 1

© Kill or be killed

Die Welt ist scheiße heutzutage, und wir alle wissen es.“

Es gibt zwei Sorten von Comic-Lesern: Die einen, oftmals liebevoll Marvel-Zombies genannt, die ihren Helden bedingungslos folgen und prinzipiell alles kaufen, was der Verlag so publiziert. Und die anderen, die ihre Lektüre eher nach Autoren, Zeichnern oder dem kompletten Kreativteam auswählen. Oftmals liegt die Wahrheit allerdings genau dazwischen und führt unweigerlich zu einem monatlichen Ringen beider Typen um die Vorherrschaft über die persönliche Pull-List. Mit Ed Brubakers und Sean Phillips neuester Kreation, Kill or be Killed, wird wohl die zweite Type auf seine Kosten kommen, stehen diese Namen doch seit Jahren für einen garantierten Lesegenuss der besonderen Art. Warum dieser Band in die gleiche Kerbe schlägt wie die vorherigen Kooperationen der beiden Künstler und sich dennoch ein wenig anders anfühlt, sollen die folgenden Zeilen klären.

Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch scheint Dylan zunehmend wieder in die Spur zu finden. Obwohl der 28-Jährige nach wie vor die Einsamkeit und den Rückzug in seine eigene Gedankenwelt vorzieht, geht es langsam bergauf. Grund dafür ist seine Kindheitsfreundin Kira, die für ihn eine Art Rückhalt darstellt und ihm die Einsamkeit erträglicher macht. Als diese jedoch eine Beziehung zu Dylan’s Mitbewohner beginnt, beschließt der labile Student, sich erneut das Leben zu nehmen. Dem neuerlich Scheitern folgt diesmal allerdings kein Aufenthalt im Krankenhaus, sondern ein kurzer Besuch aus der Hölle. Ein Dämon befällt den jungen Mann und rühmt sich als sein vermeintlicher Retter. Im Gegenzug verlangt die brutale Erscheinung ein Tribut, das Dylan zu liefern hat. Ein schlechter Mensch, der es verdient hat zu sterben, muss monatlich das Zeitliche segnen, um ihn am Leben zu halten. Geschockt und verzweifelt beginnt Dylan, nach einer kurzen Phase des Leugnens, seine dunkle Mission. Dabei lernt der verletzliche Mann nicht nur die Schattenseiten der derzeitigen Gesellschaft kennen, sondern muss feststellen, dass ihm das Töten gar nicht so ungelegen kommt …

Dass Brubaker und Phillips für Geschichten dieser Art prädestiniert sind, stellten die beiden Künstler in den vergangen Jahren mit Titel wie Fatale und The Fade Out eindrucksvoll unter Beweis. In Kill or be Killed lassen die beiden englischsprachigen Künstler einmal mehr die Muskeln spielen und kreieren unter kräftiger Mithilfe von Elizabeth Breitweiser, deren ausgeklügelte Farbgebung dem Ganzen den letzten Schliff verleiht, eine psychologisch anspruchsvolle und gesellschaftskritische Geschichte, die mit gnadenloser Härte einschlägt. Die durchgehende Präsenz von seelischer und körperlichen Gewalt, die schlussendlich in einer Legitimation zum Morden gipfelt, zieht einen langen Schweif an Ballast mit sich, welcher von den Figuren getragen wird. Phillips’ typische Anordnung der Panel, welche den verstörten Charakter Dylans mehr als gekonnt darstellen, harmonieren in beängstigender Leichtigkeit mit der fragilen Psyche der Hauptfigur. Die visuellen Brüche, die sich auch in Dylans Schilderungen bemerkbar machen, lassen den Leser den Wahrheitsgehalt seiner Erzählung zunehmend hinterfragen. Der daraus resultierende Versuch, eine sich ständig ändernde Wirklichkeit greifen zu können, regt zu einer differenzierten Charakterstudie an und erstickt klischeehafte Erklärungsversuche im Keim.

Die Entscheidung des Splitter-Verlags, diese anspruchsvolle Serie in den deutschsprachigen Raum zu bringen, erweist sich schon nach der Lektüre des ersten Bandes als goldrichtig. Inwiefern Kill or be Killed weiter zu überraschen weiß und welche Auswirkungen der brillant gesetzte Cliffhanger auf die Story haben wird, werden die nächsten Bände hoffentlich in ähnlicher Manier zeigen.

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Titel: Kill or be Killed
Verlag: Splitter Verlag
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Kill or be Killed Vol. 1
Autor: Ed Brubaker
Zeichner: Sean Philips & Elizabeth Breitweiser

Heart of Gold

© Viv Tanner and Eli Baum

„Have faith and let Him guide the way.“

In an industry that’s primarily dominated by large publishers like Marvel or DC, creator-owned comic books face a tough act to follow. Despite the continuous growth of the independent market since the establishment of Image Comics in 1992, dozens of extremely talented artists still struggle to make a living with the very thing they love the most. Fortunately, with the rise of the internet and modern distribution possibilities, there’s been a progressive development which led to new ways of creating and presenting artistic works for a wide range of people. Crowdfunding projects such as Patreon and Kickstarter allowed people to display their projects and, at the same time, offer them for sale. Among the vast variety of great works that have emerged, a mousy web-comic, called Heart of Gold, caught my attention. Created by Viv Tanner and Eli Baumgartner, this remarkable story kept me standing in awe for quite a while. The gorgeous artwork with its pristine colors and its detailed characters establishes a feeling of certainty beyond any doubt. The plot, that’s built around a mysterious chapel, ties perfectly in and completes the picture of an ambitious piece of art.

In a small town in France, the priest Dunant holds an unusual kind of Mass: “faith healing,” where he promises to heal the ailments of the suffering with just a single touch of his hands. One of those people is Ionel, an albino pianist who struggles with failing eyesight that could end his career. But something about the priest’s blessing doesn’t seem right, so Ionel starts investigating

After being solely a web-comic for quite a while, Heart of Gold will soon be available in a beautiful hardcover edition that comes with various goodies ranging from bookmarks to an actual jacket. While the kickstarter-campaign is at the ready, people still have the chance to experience the quality of this comic book online. The first seven chapters can be found on the website of sparklermonthly.com and are accessible for any curious reader. However, as far as I’m concerned, I’m going for the hardcover! This is a must-buy!

And here is the kickstarter link!

RATING 4 1/2 out of 5 stars
Creators: Viv Tanner and Eli Baum
Eli’s Portfolio
Viv’s Portfolio
Their Patreon for Heart of Gold

Saga 8

© Saga Vol. 8


Wenn wir alle etwas mehr an unserem Leben hingen, statt es so eilige zu haben, alles bis zum Tod zu verteigen, wäre das Universum ein viel weniger gruseliger Ort.“

Die besten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben. Vielleicht ist genau dies der Grund, warum Saga seit der Veröffentlichung des ersten Heftes, die Leser elektrisiert und begeistert. Die Grundidee, welche stark an Shakespeares Romeo und Julia erinnert, ist schnell erklärt: Zwei tief gespaltene Völker können irgendwann ihre Differenzen nicht mehr überbrücken und so bricht ein Krieg aus, der aus diversen Gründen allerdings schnell durch dutzende Stellvertreterkriege von den jeweiligen Heimatplaneten ferngehalten wird. Inmitten dieser trostlosen Lage erblickt allerdings ein Kind das Licht der Welt. Hazel, wie das junge Mädchen genannt wird, entpuppt sich nicht nur als Erzählerin der Geschichte, sondern auch als eine einzigartige Erscheinung: Niemand sonst in der Galaxie hat Eltern, die eigentlich Feinde sein sollten. Dass dies einigen kriegslustigen Machthabern ein Dorn im Auge ist, versteht sich von selbst.

Brian K. Vaughan nutzt diese Ausgangslage wie ein Schachbrett und positioniert seine (wie sollte es auch anders sein) vielfältigen Figuren so, dass sie stets mit dem Unvorhersehbaren rechnen müssen. Die stark durch science-fiction-lastige Elemente geprägte Serie, die weder mit Gewaltdarstellungen noch mit Sexualität spart, entfaltet ihre Genialität jedoch abseits dieses künstlerischen Deckmantels. In verklärter Form, erzählt Vaughan eine Geschichte, die dem Leser nur allzu vertraut ist, ohne aber klischeehafte Motive zu verwenden. Die kongenialen Zeichnungen von Fiona Staples, die mit ihrem klaren Stil und aberwitzigen Ideen der Serie den letzten Schliff verleiht, heben die Serie zusätzlich auf ein Level, von dem andere nur träumen können.

Im mittlerweile achten Band, den Cross Cult in gewohnter Manier im schicken Hardcover veröffentlicht, müssen Marko und Alana sehen, wie sie mit den Geschehnissen des letzten Bandes umgehen wollen. Da viel auf dem Spiel steht, formiert sich die kleine, aber feine Truppe neu und versucht gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten. Unterdessen bekommen wir nach und nach Einblick in die Biographie Petrichors und beginnen zu verstehen, woher sein schwermütiger Charakter rührt.

Obwohl die Serie also bereits weit fortgeschritten ist, steht einem Einstieg auch mit diesem Band nichts im Wege. Zu gut strukturiert Vaughan seine Erzählung, als dass man völlig auf der Strecke bleiben würde und zu bewegend sind die Ereignisse auch in diesem Band, als dass man besagten Einstieg unterlassen sollte. Wer allerdings das volle Programm haben möchte, und dies ist sicherlich die zu präferierende Variante, der kann getrost bei Band 1 beginnen und sich nach und nach vorarbeiten. Denn eines ist sicher, über Saga wird man noch einige Jahre sprechen.

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Titel: Saga
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Saga #43-48
Autor: Brian K. Vaughan
Zeichner: Fiona Staples

Batwoman 1: Die vielen Arme des Todes

© Batwoman

„Wo willst du hin, Kate Kane?“

Die Entstehungsgeschichte einer Comicfigur kann üblicherweise auf zwei verschiedene Arten erzählt und interpretiert werden. Zum einen wäre da der Erstauftritt eines Charakters, der zumeist Sammlerherzen höher schlagen lässt. Die sogenannten Key-Issues, also Hefte in denen eine neue Figur eingeführt wird, sind nach wie vor heiß begehrt und gewinnen zumeist rasch an Wert. Jedoch ist es oftmals die andere Seite einer Origin-Story, welche für „Aha-Erlebnisse“ sorgt und dem Leser zeitgeschichtliche Einblicke in den künstlerischen Schöpfungsprozess gewährt. An dieser Stelle sollte allerdings erwähnt werden, dass hier zumeist die faktionale, sprich reale, Welt im Vordergrund steht. In diese Sparte fällt ohne Zweifel auch die Protagonistin des vorliegenden Bandes, den Kate Kane, alias Batwoman, sollte nicht nur die Bat-Familie erweitern, sondern vordergründig die aufkommende Diskussion um Bruce Waynes homosexuelle Beziehung zu seinem ersten Robin, Dick Grayson, ersticken. Seitdem ist allerdings viel Zeit vergangen, die Autoren wie Geoff Johns und Grant Morrison nutzten, um der Figur neuen Glanz zu verschaffen. Unter dem aktuellen Rebirth-Banner übernimmt nun Marguerite Bennet das Ruder und zeigt, unter kräftiger Mithilfe von Top-Zeichner Steve Epting, dass diese Figur so viel mehr ist als eine bloße Bestätigung von Batmans normativer Sexualität.

Kate Kanes Leben war von Beginn an durch traumatische Ereignisse und emotionale Rückschläge bestimmt, die sie bis ins Erwachsenenalter begleiten sollten. Ihr Rausschmiss aus der Militärakademie aufgrund ihrer Homosexualität ebnete schlussendlich den Weg in den Alkoholismus und in die soziale Isolation. Als ihr allerdings eines Abends niemand geringerer als Batman bei einem Überfall zu Hilfe eilt, beschließt die junge Frau ihr Leben grundlegend zu ändern und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die daraus entstehende Kämpferin kontrastiert Batman nicht nur in ihrer Art zu handeln, sondern auch in ihrer Einstellung anderen Menschen gegenüber. Dennoch lässt auch sie, wie ihr damaliger Helfer, Einzelheiten ihrer Vergangenheit lieber hinter sich. Als allerdings eine hochgefährliche Verbrechergruppe die Welt in ihrer Gesamtheit bedroht, bleibt der Heldin nichts anderes übrig, als sich ihren eigenen Dämonen zu stellen.

Was Marguerite Bennet gemeinsam mit James Tynion IV aufs Papier zaubert, ist in erster Linie eine Geschichte, die auf altbekannten Erzählmustern basiert und nicht viel Neues bietet. Die Stärken dieses Bandes findet man ausschließlich auf der Figuren-Ebene; doch hier zeigt Bennet ihr ganzes Talent. Die Verletzbarkeit von Kate wird als wiederkehrendes Motiv schrittweise durch maskulin-konnotierte Eigenschaften wie Stärke und Mut ersetzt. Dieser Transformationsprozess durchzieht den gesamten Band und läuft, realistischerweise, nicht kontinuierlich ab. Die stetigen Hindernisse, welche die junge Frau immer wieder überwinden muss, gleichen einem stringenten Selbstfindungsprozess an dessen Ende das selbstbestimmte Individuum steht. Bennet verpackt dies alles geschickt und bewusst (wie ich vermute) in eine stereotypische Superheldengeschichte und intensiviert somit den feministischen Unterton, der dieser Serie subtil aber entscheidend innewohnt.

Dass sich Panini Comics dazu entschlossen hat, der rothaarigen Heldin das hochwertige Sonderbandformat mit Klapp-Cover zu spendieren, unterstreicht einmal mehr die hervorragende Verlagspolitik des deutschen Unternehmens. Ob man diesen Band nun aufgrund seiner vorhersehbaren Story kaufen muss, sei einmal dahingestellt. Wichtig ist nur, dass DC nach wie vor den Mut hat, Figuren wie Batwoman als starke Persönlichkeiten auftreten zu lassen, die ihren männlichen Kollegen um nichts nachstehen.

BEWERTUNG: 31/2 von 5 Sternen

Titel: Batwoman: Die vielen Arme des Todes
Verlag: Panini Comics
Format: Softcover
Originalausgaben: US Batwoman #01-06; Batwoman Rebirth
Autor: Marguerite Bennet, James Tynion IV
Zeichner: Steve Epting, Stephanie Hans, Renato Arlem

Runaways

© Runaways

Ich mag Bücher über Monster. Na und …?“

Dass Brian K. Vaughan in der Lage ist Comics zu schreiben, verdeutlicht nicht nur sein mittlerweile prall gefüllter Trophäenschrank, sondern vor allem der massive Zuspruch von seinen wichtigsten Kritikern, den Fans. Ob man nun die imposante Space-Opera Saga als Beispiel heranzieht oder einfach seine kultig-abgefahrene Teenager-Storie Paper Girls zitiert – der Kanadier scheint einfach eine schier grenzenlose Gabe zu besitzen, Leute mit seinen Geschichten zu verzaubern. Da seine aktuellen Titel in aller Munde sind, werden die etwas älteren Arbeiten oftmals vergessen. Dass diese den oben genannten Kassenschlagern aber um nichts nachstehen, dachte sich wohl auch Panini Comics und fasste den Entschluss, eine seiner bewegensten Geschichten, die Runaways, in gesammelter (oder besser gesagt in geballter) Form zu veröffentlichen. Der über 430 Seiten dicke Band, der auch gut und gerne als Telefonbuch durchgehen könnte, beinhaltet eine im Superheldenkosmos angesiedelte Abenteuergeschichte, die mit viel Tiefe, facettenreichen Charakteren und fabelhaften Dialogen zu überzeugen weiß; ein echter Vaughan eben.

Als Alex, Nico, Gertrude, Molly, Chase und Karolina beim jährlichen Benefiztreffen ihrer Eltern zusammenkommen, ahnen sie noch nicht, dass dieser Abend ihr Leben komplett auf den Kopf stellen wird. Wie üblich begeben sich die Erwachsenen für Beratungsgespräche in deren private Gemächer und lassen die Kinder wartend zurück. Dass diese allerdings durch Ungeduld und Neugierde lauschend den Geschehnissen folgen, ist den reichen und scheinbar gutmütigen Eltern zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Unbehelligt gehen diese nämlich ihren „wohltätigen“ Zwecken nach und bemerken erst viel zu spät, dass ihre geheime Sitzung aufgeflogen ist. Frei nach dem Motto „Hilfe, meine Eltern sind Superschurken!“ startet für die sechs „Ausreißer“ an diesem Abend ein spannendes Abenteuer, dessen Reichweite anfänglich weder den Protagonisten, noch dem Leser bewusst ist.

Was beginnt wie eine völlig schablonenhafte Superheldengeschichte, entwickelt sich im Laufe des Bandes zu etwas Großem, das weit über die Genre-Grenzen hinaus einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Wer hier eine stereotypische Gut-gegen-Böse-Geschichte befürchtet, darf beruhigt sein, denn Brian K. Vaughan und die Zeichner Adrian Alphona und Takeshi Miyazawa nutzen die allzu bekannte Hintergrundkulisse perfekt aus, um davor eine berührende Geschichte über Freundschaft, das Erwachsenwerden und das Leben selbst zu inszenieren. Themen wie die Beziehung zu anderen Menschen und der Umgang mit einer problematischen Familienkonstellation bilden das Zentrum einer Geschichte, die so gar nicht in den festgefahrenen Bauplan eines Superhelden-Comics passen will. Ohne das Rad neu zu erfinden, nutzt der kanadische Autor sein Feingefühl und seine spürbare Zuneigung zu seinen Figuren, um dem Ganzen eine konsequente Ehrlichkeit einzuhauchen und somit eine greifbare Welt zu konstruieren. Der Titel, Runaways, hat beinahe symbolischen Charakter und durchzieht diesen Band wie ein seidener Faden, an dem man sich gleichzeitig orientieren als auch aufreiben kann, oder vielleicht sogar soll.

In seiner für ihn typischen Art bricht Brian K. Vaughan auch hier mit der Tradition der einfachen Kausalität. Weder seine Figuren, noch deren Probleme sind durch ein einfaches Aktion-Reaktion-Muster definiert und brechen so mit dem schwarz-weiß Schema, das viele durchaus ansprechende Geschichten wie ein Korsett einschnürt und hemmt.

Runaways ist sicherlich ein Titel, der nicht für das einmalige Lesevergnügen geschrieben wurde. Zu intensiv wirkt die darin beschriebene Welt auf einen selbst und zu sehr kann und will man sich mit den Figuren darin identifizieren. Irgendwo zwischen Coming-of-Age Roman und gnadenlos guter Superhelden-Action kultiviert Vaughan ein unberührtes Örtchen Literatur, auf dem er sein kreatives Können bescheiden, aber demonstrativ zur Schau stellt. Es wäre wahrlich ein Jammer, dies zu verpassen!

BEWERTUNG: 41/2 von 5 Sternen

Titel: Runaways
Verlag: Panini Comics
Format: Softcover (Megaband)
Originalausgaben: US Runaways #01-18
Autor: Brian K. Vaughan
Zeichner: Adrian Alphona & Takeshi Miyazawa

The Common Good

© Stefan Gutternigh – The Common Good

What a fucked up district!“

Wie wäre es wohl in einer Welt zu leben, in der sich die Menschheit komplett dem Konsum und den sozialen Netzwerken unterworfen hätte? Beherrscht von einem Konzern, dessen einziges Ziel es ist, den Wohlstand seiner Bürger und Bürgerinnen zu steigern, wendet sich eine zunehmend entsolidarisierte Gesellschaft neuer Technologien zu und versucht, mit dem technischen Fortschritt und der schier unendlichen Vielfallt an Konsumgütern Schritt zu halten. Was sich liest wie eine gruselige Mischung aus utopischer Vorstellung und dystopischer Realität, entspringt der Feder des österreichischen Künstlers Stefan Gutternigh. Der ausgebildete Grafikdesigner, der 2016 mit seinem Debüt-Comic, Pest 1435, die Bildfläche betreten hat, spinnt diese gar nicht so abwegige Vorstellung eines totalitären Staates weiter und liefert einen kurzen, aber dennoch bleibenden Einblick in eine Welt, in der die Global Organisation for the Common Good für das scheinbare Wohlbefinden aller sorgt.

Als eines schönen Tages die langbeinige Schönheit Cindy Karuso vor seiner Tür steht, ahnt Mr. Berger noch nicht, in welchen Schwierigkeiten er eigentlich steckt. Wie sich herausstellt, ist die junge Frau im Auftrag der Global Organisation for the Common Good unterwegs und scheint in ihrer Rolle als gnadenlose Kontrolleurin vollends aufzugehen. In einem Gespräch, das sich eher wie ein Verhör gestaltet, wird klar, dass Mr. Bergers Katze an einer schweren Krankheit litt, weshalb er den für seine Gehaltsklasse definierten Betrag für Lifestyle-Produkte und andere Konsumgüter lieber in das kranke Tier investierte. Was sich anhört wie die natürlichste Sache der Welt, stößt der jungen Agentin höchst unwohl auf und bringt den Wiener zunehmend in Bedrängnis. Die brutalen Auswirkungen dieses Besuchs werden sowohl dem Leser als auch Mr. Berger immer bewusster. Wie radikal sich die Welt in den letzten Jahren offenbar verändert hat, muss dieser unbekümmert wirkende Mann schließlich am eigenen Leib erfahren, als die übermächtige Regierungsagentin gnadenlos das Gesetz durchsetzt.

Was Stefan Gutternigh eine satirische Cyberpunk-Story nennt, kann man auch gut und gerne als erschreckende Zukunftsvision lesen. Die im Comic vor allem auf visueller Ebene sichtbar werdenden Entwicklungen unserer Zeit lassen die Geschichte in einem nur allzu vertrautem Licht erstrahlen. Ein weiteres Novum dieser österreichischen Veröffentlichung ist sicherlich die Tatsache, dass das komplette Heft, inklusive dem ansehnlichen Vorwort, in englischer Sprache verfasst wurde. Was einerseits eine breitere Vermarktungsstrategie vermuten lässt, wird andererseits auch innerhalb der Narration glaubhaft vermittelt und schlüssig erklärt.

Die Reduktion auf wenige Handlungsorte wirkt sich zwar positiv auf die Dichte der Geschichte aus, bremst den Leser allerdings ein wenig auf seiner Erkundungstour ein. Nur zu gerne würde man noch weitere Teile dieses vertrauten und dennoch neuen Wiens erforschen und sehen, wie es dieser Stadt in der Zukunft ergehen würde. Das etwas offene Ende sorgt abschließend noch für einen Funken Hoffnung doch nur ein Cliffhanger zu sein, obwohl die Story hier eigentlich ihr Ende finden soll.

Auch wenn The Global Organisation for the Common Good seine Schwächen hat, überzeugt der Comic vor allem mit seiner mutigen Grundidee und mit einer beinharten Konsequenz. Obwohl das Thema an sich brandaktuell ist, findet Stefan Gutternigh seinen ganz persönlichen Zugang, den er sowohl visuell als auch textuell mit breiter Brust präsentiert und so ein kurzes, aber dennoch bleibendes Lesevergnügen schafft. Auch ohne die rot-weiß-rote Brille hat sich das Werk die Unterstützung über Kickstarter oder den Kauf im Laden mehr als verdient!

BEWERTUNG: 3 1/2 von 5 Sternen

Titel: The Global Organisation for the Common Good
Verlag: Eigenverlag
Format: Einzelheft
Autor: Stefan Gutternigh
Zeichner: Stefan Gutternigh

Hellboy Kompendium 2

© Hellboy

Ich bin alles, was du hättest sein können, alles was du hättest sein sollen.“

Von vielen als Mignolas Meisterwerk gehandelt, ist Hellboy spätestens seit Guillermo del Toros 2004 erschienener Filmadaption auch einer breiteren Masse ein Begriff. Zugegeben dem roten Teufel fehlt auch heute noch die kulturelle Reichweite, wie sie zum Beispiel Spider-Man oder Batman genießen. Dennoch, so kann man behaupten, erfreut sich Hellboy zunehmend einer größeren Beliebtheit, was in erster Linie mit der Qualität dieser Story zu tun haben dürfte. Nicht ohne Grund verkaufen sich die Einzelbände der Serie, welche 1993 ins Leben gerufen wurde, wie warme Semmeln. Cross Cult, der deutsche Heimatort des roten Dämonen, entschloss sich deshalb die komplette Saga koloriert und in gesammelter Form neu aufzulegen und präsentiert mit den Hellboy Kompendien eine hochwertige Fassung dieses kongenialen Meisterwerks, die seinesgleichen sucht.

Der zweite Band dieser Neuauflage beinhaltet drei weitere Hellboy-Abenteuer und führt den Leser immer tiefer in dieses wunderbar vielfältige Universum hinein. Die drei klassischen Geschichten, Die rechte Hand des Schicksals, Sieger Wurm und Seltsame Orte, welche dieser Band umfasst, bringen uns nicht nur einigen Antworten auf offene Fragen ein Stück näher, sondern erläutern auch die schwierige Beziehung zwischen dem roten Protagonisten und der B.U.A.P. Die schon immer etwas angespannte Lage scheint hier auf unüberwindbare Differenzen zu stoßen und die gemeinsamen Wege scheinen sich hier endgültig zu trennen. Der restliche Band steht dieser Story um nichts nach und Mike Mignola demonstriert durchgehend sein besonderes Talent, Kurzgeschichten, die einen stets berühren, zu verfassen.

Abseits der vorzüglichen Schreibarbeit setzen Mignolas Zeichnungen in diesem Band ein weiteres kräftiges Ausrufezeichen. Sein eigenwilliger Stil, der geprägt ist von einem harten Strich und groben Silhouetten, komplimentiert das Erzählte in einer unbeschreiblich stringenten Art und Weise, sodass man noch tiefer in den Bann der Geschichte gezogen wird. Die oftmals matt wirkenden Hintergründe, welche die Bildelemente schlicht aber wirksam aufwerten, markieren einen weiterer Kunstgriff Mignolas, der dessen Arbeiten das gewisse Extra verleiht. Dave Stewarts Farben, die an keinem Helden besser wirken als an Hellboy, fügen dem Ganzen noch eine weitere Ebene hinzu, auf der sich das Narrativ fortwährend ausbreiten kann.

Mignolas Konzeption der kompletten Saga, die zwar in einer ausdefinierten Kontinuität verankert ist, jedoch in unterschiedlicher Reihenfolge gelesen werden kann, zeugt von einem tiefen Verständnis für das Medium an sich. Ohne dem Meta-Narrativ die Qualität absprechen zu wollen, sind es tatsächlich die einzelnen Abenteuer, die den roten Teufel quer über den Globus führen, die sowohl für die Prägung der Figur als auch für den ungebrochenen Lesegenuss verantwortlich sind.

Zweifellos muss Hellboy mittlerweile zu den ewigen Klassikern gezählt werden und sollte in jeder besser sortierten Comic-Sammlung seinen Platz finden. Trotz einer vielfältigen und facettenreichen Historie muss niemand vor einem Einstieg zurückschrecken. Mignola entwirft seine Abenteuer so, dass der serielle Grundton eher zum Nebengeräusch wird. Die Magie findet auf einer anderen Ebene statt; und auf dieser sollten wir uns alle einfinden!

BEWERTUNG: 41/2 von 5 Sternen

Titel: Hellboy Kompendium 2
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Hellboy: Right Hand of Doom, Conqueror Worm, Strange Places;
Autor: Mike Mignola
Zeichner: Mike Mignola & Dave Stewart
ISBN: 978-3-95981-069-2

The Walking Dead Band 29

© The Walking Dead Bd. 29

Ich bin die Prinzessin von Pittsburgh!“

Dass ein begeisterter Comic-Fan aus Kentucky in naher Zukunft die Szene so richtig umkrempeln würde, mit dem hätten wohl auch die schärfsten Beobachter nicht gerechnet. Als allerdings dass dritte Heft der Serie The Walking Dead einen Anstieg der Verkaufszahlen einläutete, war schlagartig klar, dass genau jetzt ein neuer Abschnitt in der Geschichte von Image Comics beginnen würde. Doch der Reihe nach: Robert Kirkman begann seine Karriere bei Image Comics mit der Mini-Serie SuperPatriot. Kurz darauf folgte sein erster von Erfolg gekrönter Superhelden-Titel, Invincible, der ihn in neue Sphären vorstießen ließ. Trotz des schnellen Erfolgs wäre The Walking Dead beinahe niemals publiziert worden, denn die damalige Image-Führung hatte erhebliche Zweifel bezüglich der Verkaufschancen eines Zombie-Titels. Beinahe 15 Jahre und 177 Ausgaben später sollten sich diese Zweifel nun endgültig zerstreut haben. Der Erfolg, den diese Reihe feierte und deren Einfluss auf sowohl Politiken unterschiedlicher Verlage als auch auf die tatsächlichen Kreativen, stellt nach wie vor einen Meilenstein in der langen Geschichte der Comics dar. Im deutschsprachigen Raum befindet sich die Geschichte rund um den Polizisten Rick Grimes bereits bei der 29. Hardcover-Ausgabe und besticht nach wie vor durch die selben Qualitäten, welche die Serie so groß gemacht haben. Die Adaption des Formats, welche von Cross Cult seit Beginn vorgenommen wird, erweist sich nach wie vor als Erfolg, der sich nicht nur im Regal sehen lässt.

Nach den Geschehnissen im vorherigen Band versuchen die Beteiligten nun auf ihre eigene Art den Verlust und die damit verbundene Trauer zu kompensieren. Rick, der nach wie vor der soziale Kleber eines fragilen gesellschaftlichen Gefüges ist, sieht sich gezwungen, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, welche die Gemeinschaft einmal mehr auf eine Belastungsprobe stellen. Zudem scheint es, dass sich ein neuer potentieller Verbündeter auftut, welcher der Gruppe in dieser schwierigen Phase helfen könnte. Ein eigens zusammengestelltes Team soll herausfinden, ob man diesen Leuten trauen kann und ob diese friedlich gesinnt sind. Während also die einen mit Aufbauarbeiten und der seelischen Aufarbeitung beschäftigt sind, beginnt für die anderen schon das nächste Abenteuer. Das Auftauchen einer neuen Figur, die nicht nur aufgrund ihres schrillen Aussehens Neugierde weckt, ist auf dieser Reise nur eines, der vielen Erlebnisse. Maggie Greene, die designierte Anführerin der Anhöhe, gibt unterdessen den Befehl, den von Rick begnadigten Negan zu beschatten. Den brutale Mörder ihres Mannes einfach so ziehen lassen, kommt für sie nicht in Frage. Als sie ihm jedoch am Ende gegenübersteht, lernt auch Maggie eine völlig neue Seite an ihm kennen. Ob sie dies allerdings davon abhält, ihren persönlichen Rachefeldzug zu überdenken, darf zumindest angezweifelt werden.

Es ist sicherlich müßig nach Band 29 über die Vorzüge dieser Serie zu sprechen. Die Tatsache, dass es Kirkman und Adlard nach wie vor schaffen sowohl den eigentlichen Plot als auch die Figurenkonstellation innerhalb der Geschichte in einer perfekten Balance zu halten, sollte Beweis genug für die Stärke dieser Serie sein. Obwohl die bereits fortgeschrittene Nummerierung einige Leser abschrecken könnte, sei gesagt, dass ein Quereinstieg bei The Walking Dead durchaus möglich und absolut empfehlenswert ist. Das standesgemäße Vorwort, welches Cross Cult den Bänden stets hinzufügt, klärt die vergangen Ereignisse präzise auf, ohne jedoch die Spannung der Lektüre zu mindern. Zusätzlich beginnt dieser Band neuerlich einen Spannungsbogen aufzubauen und eignet sich somit fabelhaft für ein etwaiges Hineinschnuppern.

Ob der doch brutal anmutenden Handlung und der oftmals verstörenden Thematik ist The Walking Dead sicher keine Serie, die jeden abholt. Dass man mit dieser Reihe allerdings einen hochqualitativen Meilenstein innerhalb der Comic-Branche in den Händen hält, gilt als ebenso gesichert. Wer also schon länger auf einen kleinen Anstoß wartet, neue Gewässer zu erkunden, dem sei gesagt: Zugreifen!

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Titel: The Walking Dead
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US The Walking Dead #169-173
Autor: Robert Kirkman
Zeichner: Charlie Adlard & Stefano Gaudiano, Cliff Rathburn
ISBN: 978-3-95981-233-7

Extremity Band 1

© Extremity Band 1

Zu welcher Melodie inspiriert dich das?“

Laut Marshall Mc Luhan beeinflusst das Medium selbst die Art und Weise, wie wir Dinge wahrnehmen. In seinem Buch The Medium is the Message erläutert der kanadische Kommunikationstheoretiker, wie Medien unsere Wahrnehmung beeinflussen und die Rezeption einzelner Inhalte steuern. Dieser Aspekt wurde mir einmal mehr bewusst, nachdem ich das aktuelle Werk von Daniel Warren Johnson in den Händen hielt. Extremity 1 wirkt auf den ersten Blick wie eine blutrünstige postapokalyptische Endzeitgeschichte, die eine gnadenlose Vendetta thematisiert. Dass allerdings unter der von Brutalität gekennzeichneten Kruste eine zutiefst fragile Wahrheit schlummert, macht diesen Titel zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis, welches direkt auf unseren Wertekompass abzielt und unsere moralischen Grenzen aufs „Extremste“ testet.

Theas Leben sollte sich von einem auf den anderen Tag schlagartig ändern. Als die Paznina völlig überraschend die Heimat ihres Clans angriffen und ihrer Familie und der gesamten Gesellschaft schmerzliches Leid zufügten, musste die junge Künstlerin erkennen, dass Leid ein nicht verhandelbarer Bestandteil des Lebens ist. Zum seelischen Schmerz, den der Mord an ihrer Mutter verursachte, kamen auch noch körperliche Qualen, als sie in dieser Schlacht ihrer Hand und somit ihres zeichnerischen Talents beraubt wurde. Seitdem sinnt ihr Clan, allen voran ihr herrschender Vater Jerome, nach Rache und schreckt hierfür vor keiner Gräueltat zurück. Auch Thea und ihr Bruder Rollo sind fester Bestandteil dieses Feldzugs und werden zunehmend ihrer unschuldigen Kindheit beraubt. Es scheint so, als hielte allein der Durst nach Blut Theas Vater am Leben und als er seine Seele endgültig der Dunkelheit zuzuwenden scheint, muss das Geschwisterpaar eine wegweisende Entscheidung treffen: Kann Gleiches wirklich nur mit Gleichem vergolten werden?

Mit Extremity bringt Cross Cult einen Titel auf den deutschen Markt, der allein schon aufgrund des klingenden Titels Neugierde erzeugt. Zurecht wird der Band als „mutige Geschichte“ beworben, der bei genauerer Betrachtung ein weites Spektrum an Emotionen und Eindrücken bündelt. Daniel Warren Johnson, der hier als Zeichner und Autor agiert, befüllt seine schwebende Welt mit heterogenen Figuren, deren eingeschlagener Weg sowohl nachvollziehbar als auch herzzerreißend ist. Das Spiel mit den von der Menschheit geschaffenen moralischen Werten gelingt dem von Chicago aus arbeitenden Künstler ebenso gut wie die Beschäftigung mit dem Thema der Gewalt und deren Folgen für das Individuum und die Gesellschaft. Die temporeiche Geschichte, die aufzeigt, ohne zu bewerten, schmiegt sich trotz futuristischem Kontext elegant in das Panorama unserer Zeit und lässt uns, als fühlende und denkende Wesen, gleichermaßen teilhaben. Johnsons überspitzte Zeichnungen und die stimmungsgeladenen Farben eines Mike Spicers treffen den Nagel Seite für Seite mehrmals auf den Kopf. Mit einem für die Story treffenden Cliffhanger entlässt uns Extremity schließlich wieder in unsere bekannte Welt, die auf einmal blutiger wirkt als vielleicht noch zuvor.

Es fällt mir schwer einen Grund zu finden, diesen Band nicht weiterzuempfehlen. Zu kraftvoll ist dessen Botschaft und zu tief zieht einen die Story in ihren Bann, sodass ich trocken und nüchtern verlautbaren kann: uneingeschränkte Leseempfehlung!

BEWERTUNG: 5 von 5 Sternen

Titel: Extremity
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Extremity #01-06
Autor: Daniel Warren Johnson
Zeichner: Daniel Warren Johnson & Mike Spicer
ISBN: 978-3-95981-589-5