Batwoman 1: Die vielen Arme des Todes

© Batwoman

„Wo willst du hin, Kate Kane?“

Die Entstehungsgeschichte einer Comicfigur kann üblicherweise auf zwei verschiedene Arten erzählt und interpretiert werden. Zum einen wäre da der Erstauftritt eines Charakters, der zumeist Sammlerherzen höher schlagen lässt. Die sogenannten Key-Issues, also Hefte in denen eine neue Figur eingeführt wird, sind nach wie vor heiß begehrt und gewinnen zumeist rasch an Wert. Jedoch ist es oftmals die andere Seite einer Origin-Story, welche für „Aha-Erlebnisse“ sorgt und dem Leser zeitgeschichtliche Einblicke in den künstlerischen Schöpfungsprozess gewährt. An dieser Stelle sollte allerdings erwähnt werden, dass hier zumeist die faktionale, sprich reale, Welt im Vordergrund steht. In diese Sparte fällt ohne Zweifel auch die Protagonistin des vorliegenden Bandes, den Kate Kane, alias Batwoman, sollte nicht nur die Bat-Familie erweitern, sondern vordergründig die aufkommende Diskussion um Bruce Waynes homosexuelle Beziehung zu seinem ersten Robin, Dick Grayson, ersticken. Seitdem ist allerdings viel Zeit vergangen, die Autoren wie Geoff Johns und Grant Morrison nutzten, um der Figur neuen Glanz zu verschaffen. Unter dem aktuellen Rebirth-Banner übernimmt nun Marguerite Bennet das Ruder und zeigt, unter kräftiger Mithilfe von Top-Zeichner Steve Epting, dass diese Figur so viel mehr ist als eine bloße Bestätigung von Batmans normativer Sexualität.

Kate Kanes Leben war von Beginn an durch traumatische Ereignisse und emotionale Rückschläge bestimmt, die sie bis ins Erwachsenenalter begleiten sollten. Ihr Rausschmiss aus der Militärakademie aufgrund ihrer Homosexualität ebnete schlussendlich den Weg in den Alkoholismus und in die soziale Isolation. Als ihr allerdings eines Abends niemand geringerer als Batman bei einem Überfall zu Hilfe eilt, beschließt die junge Frau ihr Leben grundlegend zu ändern und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die daraus entstehende Kämpferin kontrastiert Batman nicht nur in ihrer Art zu handeln, sondern auch in ihrer Einstellung anderen Menschen gegenüber. Dennoch lässt auch sie, wie ihr damaliger Helfer, Einzelheiten ihrer Vergangenheit lieber hinter sich. Als allerdings eine hochgefährliche Verbrechergruppe die Welt in ihrer Gesamtheit bedroht, bleibt der Heldin nichts anderes übrig, als sich ihren eigenen Dämonen zu stellen.

Was Marguerite Bennet gemeinsam mit James Tynion IV aufs Papier zaubert, ist in erster Linie eine Geschichte, die auf altbekannten Erzählmustern basiert und nicht viel Neues bietet. Die Stärken dieses Bandes findet man ausschließlich auf der Figuren-Ebene; doch hier zeigt Bennet ihr ganzes Talent. Die Verletzbarkeit von Kate wird als wiederkehrendes Motiv schrittweise durch maskulin-konnotierte Eigenschaften wie Stärke und Mut ersetzt. Dieser Transformationsprozess durchzieht den gesamten Band und läuft, realistischerweise, nicht kontinuierlich ab. Die stetigen Hindernisse, welche die junge Frau immer wieder überwinden muss, gleichen einem stringenten Selbstfindungsprozess an dessen Ende das selbstbestimmte Individuum steht. Bennet verpackt dies alles geschickt und bewusst (wie ich vermute) in eine stereotypische Superheldengeschichte und intensiviert somit den feministischen Unterton, der dieser Serie subtil aber entscheidend innewohnt.

Dass sich Panini Comics dazu entschlossen hat, der rothaarigen Heldin das hochwertige Sonderbandformat mit Klapp-Cover zu spendieren, unterstreicht einmal mehr die hervorragende Verlagspolitik des deutschen Unternehmens. Ob man diesen Band nun aufgrund seiner vorhersehbaren Story kaufen muss, sei einmal dahingestellt. Wichtig ist nur, dass DC nach wie vor den Mut hat, Figuren wie Batwoman als starke Persönlichkeiten auftreten zu lassen, die ihren männlichen Kollegen um nichts nachstehen.

BEWERTUNG: 31/2 von 5 Sternen

Titel: Batwoman: Die vielen Arme des Todes
Verlag: Panini Comics
Format: Softcover
Originalausgaben: US Batwoman #01-06; Batwoman Rebirth
Autor: Marguerite Bennet, James Tynion IV
Zeichner: Steve Epting, Stephanie Hans, Renato Arlem