Nameless

© Nameless


„Nichts ist real.“

Kaum jemand schafft es, seine Leser derart zu fordern wie Grant Morrison. Unter der Vielzahl seiner Geschichten, die das komplette Genre-Spektrum abdecken, finden sich sowohl klassische Superhelden-Stories wie sein mittlerweile legendärer Batman-Run als auch Stories von weitaus unbekannteren Helden wie Animal Man oder gar die Doom Patrol. Stets darauf bedacht, die für ihn wichtigen Thematiken zu abstrahieren und in den unterschiedlichsten Kontexten neu zu erschaffen, setzt Morrison, in beinahe all seinen Werken, auf den Intellekt und den Willen seines Publikums. Es ist unbestritten, dass dieser Mann für zahlreiche Meilensteine innerhalb des Genres verantwortlich ist und durch sein Zutun die Grenzen des Comics getestet und letztlich sogar gedehnt hat. Ebenso kann man pauschal anführen, dass ein Werk aus der Feder Grant Morrisons nicht unbedingt für den schnellen Genuss bestimmt ist, sondern durchaus zum wiederholten Lesen einlädt. So verhält es sich auch mit dem vorliegenden Werk, Nameless, dass der gebürtige Schotte gemeinsam mit dem begnadeten Zeichner Chris Burnham in die Welt gesetzt hat. Was die beiden hier präsentieren, lässt sich wohl am ehesten als eine okkulte Horror-Story beschreiben, welche im Weltall seinen Ursprung nimmt und die Leserschaft auf einen psychedelischen Trip einlädt, den es nicht so schnell vergessen wird.

Ein gigantischer Asteroid, welcher Xibalba genannt wird, rast mit höllischer Geschwindigkeit auf die Erde zu und wird diese in exakt 33 Tagen erreichen. Nicht ganz unbegründet stammt der Name dieses Ungetüms aus dem Vokabular der Maya und beschreibt nichts anderes als deren Vorstellung der Unterwelt, dem Ort des Schreckens. Ein exzentrischer Milliardär namens Paul Darius stellt daraufhin eine Crew zusammen und schickt eben diese ins Weltall, um die Welt vor dem Untergang zu retten. Teil dieses Teams ist auch ein Experte für den Bereich des Okkulten und der dunklen Künste, der auf den Namen Nameless hört und versuchen soll, das Böse auf diesem Asteroiden zu stoppen. Die Mission, welche von Beginn an durch brutale Ereignisse gekennzeichnet ist, entpuppt sich schnell als Himmelfahrtskommando und die Crew erkennt relativ rasch, dass dies kein gewöhnlicher Planetoid ist. Was als Abenteuer-Expedition begonnen hat, entwickelt sich schlussendlich zu einem abnormalen Kampf um Leben und Tod.

Wie üblich für viele seiner Werke lässt sich auch dieser Morrison-Titel schwer in eine Schublade stecken. In erster Linie jedoch handelt es sich bei Nameless vor allem um einen paranormalen Höllenritt, der sich Anleihen aus den unterschiedlichsten Ecken der Medienlandschaft holt. Einer stark an Armageddon erinnernden Space-Atmosphäre wird in großer Menge okkulter und teilweise haarsträubender Zauber hinzugefügt, um das Ganze in einem neuen Licht zu präsentieren. Morrsions’ Ideen sind nicht neu, aber dennoch an vielen Stellen treffend, um das von ihm gewünschte Maß an Irritation zu erzeugen. Ohne die Vorstellungskraft des Meisters schmälern zu wollen, muss man an dieser Stelle dennoch anmerken, dass diese Geschichte Großteils ausschließlich vom fantastischen Artwork von Chris Burnham lebt. Dieser schafft es, die teilweise doch arg verdrehten Ideen Morrisons einzufangen und dessen Abstraktheit detailgenau auf die Seiten zu zaubern. Nathan Fairbairns Farbwahl, die irgendwo zwischen konservativ und verrückt anzusiedeln ist, gibt dem Ganzen zusätzlich eine vertraute Note, die das Werk da und dort elegant ausbalanciert. So subtil Morrison üblicherweise seine Brotkrümel streut, so sehr hämmert er in diesem Band seine Botschaften repetitiv in die Hirne seiner Leser. Auch der durchaus ansprechende Plot, welcher an sich jegliche Interpretation zulässt, mag an dieser Stelle nicht darüber hinwegtäuschen, dass Nameless eine zentrale, wenn auch verstörende, Botschaft an sein Publikum richtet, die offenbar gehört werden soll.

Dass Cross Cult dem Band einen dermaßen edlen Einband mit reflektierenden Akzenten spendiert, spricht einmal mehr für die hervorragende Verlagspolitik der Ludwigsburger und wird dem Ganzen schließlich auch gerecht. Wer Grant Morrison bisher bedingungslos in dessen verspielte Phantasie gefolgt ist, der wird unter Garantie auch diesen Band lieben. Der Rest sei an dieser Stelle allerdings gewarnt, denn stellenweise lehnt sich der Gute hier ein Spur zu weit aus dem Fenster, was der Story zwar keinen Abbruch tut, den Leser allerdings nahe an die Frustrationsgrenze treibt.

BEWERTUNG: 3 von 5 Sternen

Titel: Nameless
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Namelesss #01-06
Autor: Grant Morrison
Zeichner: Chris Burnham & Nathan Fairbairn
ISBN: 978-3-95981-426-3

Paper Girls 3

© Paper Girls #11


Die Nerds hatten recht. Y2K passiert wirklich.“

Die Lektüre von Paper Girls (Anm.d.Red: Die Rezension von Band 2 kann man hier nachlesen. Spoilergefahr droht überall.) lässt sich am besten mit einer Fahrt auf dem Kettenkarussell in einem Vergnügungspark beschreiben. Während zu Beginn Neugier, Nervenkitzel und eine leichte Nervosität überwiegen, folgt dicht darauf der Start, welcher Tür und Tor für einen Endorphin-Cocktail öffnet. Erst nach der Fahrt, wenn sich der Puls wieder auf ein normales Niveau einpendelt und der Angstschweiß getrocknet ist, beginnt man tatsächlich zu realisieren, was denn gerade passiert ist. Nervosität und Angst weichen einer gewissen Selbstsicherheit und obwohl man denkt, alles erlebt zu haben, wird man von Fahrt zu Fahrt immer wieder aufs Neue in Ekstase versetzt. So und nicht anders lässt sich wohl der Erfolg der Besitzer dieses metaphorischen Kettenkarussells beschreiben, denn Brian K. Vaughan und Cliff Chiang liefern auch mit dem bereits dritten Band der preisgekrönten Serie ein Sci-Fi Erlebnis, welches alle Regeln außer Kraft setzt. Also schließt die Sicherheitsbügel und haltet euch fest: Die Fahrt beginnt.

Nachdem Erin, Mac und Tiffany nun endlich wieder mit KJ vereint sind, müssen die vier Mädchen feststellen, dass sie das Zeitfenster, in das sie gesprungen waren, nicht wie erhofft in das Jahr 1988 zurückbrachte. Stattdessen finden sich die Heldinnen allesamt in einer abgedrehten Urzeit wieder, die, wie sollte es auch anders sein, voll verrückter Überraschungen steckt. Zu allem Überfluss wird die Gruppe nach einem Angriff erneut getrennt und Erin und Tiffany müssen versuchen Mac und KJ vor den mysteriösen drei Männern zu retten, die in dieser Zeit Angst und Schrecken verbreiten. Unterstützung erhalten sie hierbei von der jungen Mutter Wari und einer weiteren Zeitreisenden. Ob sie wohl die Fragen der Mädchen beantworten kann?

Auch im dritten Teil der Serie, die im handlichen Hardcover-Format bei Cross Cult erscheint, bleibt Vaughan seiner Linie treu und lässt seine Protagonistinnen immer tief in einen Sumpf voller Rätsel waten. Stets darauf bedacht der Leserin alles abzuverlangen, ohne sie dabei zu überfordern oder gar komplett zu verwirren, schmückt der talentierte Kanadier die Geschichte mit knackigen Dialogen und vergnügten Pop-Referenzen, die sich von Stephen King bis hin zu Calvin und Hobbes erstrecken. Das breit gespannte Netz der Verwirrung, welches sicherlich bewusst über einen oberflächlich simpel erscheinenden Plot gespannt wird, lässt dennoch Raum für tiefgreifende Einblicke in das Bewusstsein der einzelnen Figuren. Körperliche und seelische Entwicklungsschritte auf dem Weg zum Erwachsensein sind ebenso Thema wie Antisemitismus und Sexismus. In einer unaufgeregten und nüchternen Art und Weise bauen Vaughans Texte und Chiangs fantastisch-anmutenden Zeichnungen vier starke weibliche Teenager auf, die weitaus mehr sind als einfache Zeitungsmädchen aus Ohio.

Möchte man das Haar in der Suppe finden, so könnte man anmerken, dass der komplexe Aufbau der Geschichte etwas das Tempo nimmt. Die Zeit, die sich Vaughan nimmt, um seine Figuren auszuformulieren und das stetige World-building fordern im dritten Band nun erstmals ihren Tribut und bremsen den Leser erst einmal aus. Auch im Bezug auf offene Fragen liefern diese 5 US – Issues vorläufig keine wirklich erwähnenswerten Erkenntnisse.

Dass Vaughan allerdings weiß, was er tut und hinter diesem Wirrwarr ein fein durchdachter Plan steht, dürfte hinlänglich bekannt sein. Einem Autor seines Kalibers, der seit Jahren mit Preisen überhäuft wird, schenkt man somit gerne ein paar Vorschusslorbeeren. So oder so, die Paper Girls muss man einfach lieben!

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Titel: Paper Girls
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Paper Girls #11-15
Autor: Brian K. Vaughan
Zeichner: Cliff Chiang & Matt Wilson
ISBN: 978-3-95981-561-1

The Amazing Screw-On Head und andere seltsame Dinge

© The Amazing Screw-On Head und andere seltsame Dinge


Ihr, Sir, seid der größte Zauberer der Welt“

Ein typisches Merkmal vieler Lesebiographien ist, dass sie einige Autoren oder Werke favorisieren, während andere ungewollt außen vor gelassen werden. Dies kann vielerlei Gründe haben: Von der einfachen Ratlosigkeit und dem ewigen Dilemma „Ich weiß nicht wo ich anfangen soll“ bis hin zu einer simplen undefinierbaren Hemmschwelle, die es einfach irgendwann zu überwinden gilt. Letzteres trifft in diesem Fall auf mich zu und umso mehr freue ich mich nun, endlich die Zeit und auch den Willen gefunden zu haben, das vorliegende Werk in Angriff zu nehmen. Mit The Amazing Screw-On Head und andere seltsame Dinge bringt Cross Cult das perfekte Einstiegswerk, um einmal in die Welt von Mike Mignola hinein zu schnuppern. Und eins kann ich euch jetzt schon versichern: Diese Welt wird mich so schnell nicht mehr los.

Obwohl der Titel vermuten lässt, dass im Zentrum der Geschichte der Amazing Screw-On Head steht, handelt es sich bei diesem Werk vielmehr um eine Art Sammlung von Kurzgeschichten, die in sich abgeschlossen sind. Los geht es dennoch mit dem oben genannten Helden, der in Wahrheit ein für die US – Regierung tätiger Agent ist, welcher seinen Kopf auf unterschiedliche Rüstungen schrauben kann und streng geheime Missionen erledigt. In diesem Falle ist der Auftraggeber niemand Geringerer als der 16. Präsident der Vereinigten Staaten, Abraham Lincoln. Screw-On soll sich auf die Suche nach dem gefährlichen Imperator Zombie machen, der einige dunkle Schriften gestohlen hat und nun versucht, ein Juwel zu finden, welches ihm übernatürliche Kräfte verleiht. Weiter geht es mit einer Geschichte, die sich um den jungen Abu Gung dreht, der über eine Bohnenranke mit dem Teufel in Kontakt tritt. Eine märchenhaft aufgebaute Story, die unerwartete Verbindung zur vorherigen Erzählung aufweist. Dicht darauf folgt dann mein persönliches Highlight des Bandes mit einer Geschichte, die unter Mithilfe von Mignolas siebenjähriger Tochter entstanden ist. So verrückt es auch klingen mag, erzählt dieser Teil von einer Schlange, die verschiedene Gebilde vom Dach eines Hauses anbrüllt und zum Verschwinden auffordert. Nach zwei weiteren kurz gehaltenen Erzählungen folgt abschließend ein Ende in Form eines Epilogs, welcher ruhig und unscheinbar wirkt und allein von Mignolas schaurigen Zeichnungen getragen wird. Das angehängte Skizzenbuch des genialen Künstlers lässt den Leser zu guter Letzt schmachtend und nachdenklich zurück.

The Amazing Screw-On Head und andere seltsame Dinge ist eine Anthologie, wie ich sie zuvor selten gesehen habe. Mignola wird seinem Ruf als herausragender Künstler und unbeschreiblich guter Autor hier mehr als gerecht und schafft ein seltsam anmutendes Werk, das sich irgendwo zwischen grotesker Ideen und grenzgenialer Umsetzung einordnen lässt. Der Einsatz von oftmals textlosen Panels, welche durch einen starken und klaren Strich und durch die poppenden Farben von Dave Stewart das Auge des Betrachters einfangen und es behutsam über die Seiten führen, lässt die einzelnen Geschichten ruhig und anmutig wirken. Die vielen sanft eingestreuten Querverweise zu anderen Teilen des Bandes verleihen dem Ganzen einen runden Charakter, der sich während des Lesens zunehmend offenbart. Die für Mignola so typischen viktorianischen Settings unterwerfen sich durchwegs dem gewollten Grusel, ohne jedoch kitschig zu wirken; ein Spagat, der sicherlich nicht jedem gelingt.

Mit The Amazing Screw-On Head hat mich Mike Mignola nicht nur positiv überrascht, sondern auch den Funken in mir entfacht, mich nun intensiver mit seinen Arbeiten auseinanderzusetzen. Zu sehr haben mich seine anmutig-schaurigen Zeichnungen Seite für Seite beeindruckt und zu sehr brachten mich seine ernsthaft-komischen Dialoge immer wieder zum Schmunzeln. Wer ebenso wie ich Lust darauf hat, seltsame Dinge zu entdecken, der sollte am besten hier zum Suchen beginnen.

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Titel: The Amazing Screw-On Head und andere seltsame Dinge
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US The Amazing Screw-On Head comic book, The Magician and the snake, and several new stories;
Autor: Mike Mignola
Zeichner: Mike Mignola & Dave Stewart
ISBN: 978-3-95981-565-9

Seven to Eternity 1 – Der Gott des Flüsterns

© Seven to Eternity 1

Jeder sympathisiert mit dem Schwächeren, solange man sich im Falle eines Konflikts nicht an seine Seite stellen muss.“

Wer sich in den letzten Jahren im deutschen Verlagsangebot so richtig ausgetobt hat, wird sicherlich bemerkt haben, dass gerade im Bereich der Indie – Serien ein Name sehr häufig die Buchrücken ziert. Ob man nun das postapokalyptische Abenteuer, welches sich Low nennt betrachtet oder durch die Sci-Fi Welten von Black Science spaziert, Rick Remender, dessen schier grenzenloser Ideenreichtum hinter beiden Serien steckt, lässt nicht nur an diesen Serien seine kreativen Muskeln spielen. Dass sich nun Cross Cult dazu entschließt, eine weitere seiner Creator-Owned Serien auf den deutschen Markt zu bringen, zeugt nicht nur von einer durchdachten Verlagspolitik, sondern eröffnet uns Lesern den Zugang zu seinem neuesten (Meister-) Werk: Seven to Eternity. Im Gegensatz zur englischen Originalausgabe setzt die deutsche Version, die im Hardcover erscheint, auf ein leichtes Überformat, welches die atemberaubenden Zeichnungen von Jerome Opeña und die düsteren, oftmals rostig wirkenden Farben von Matt Hollingsworth wie ein gigantisches Feuerwerk auf der Netzhaut wirken lassen.

Das Zentrum der Handlung bildet die Familie Osidis, die in der Welt von Zhal als Ausgestoßene gelten, da sich das älteste Familienoberhaupt, Zebadiah, dem Willen von Garlis Sulm, im Volksmund auch Schlammkönig genannt, wiedersetzte. Sein Sohn Adam, der selbst nicht bei bester Gesundheit ist und noch immer mit dem frühen Tod seines jüngeren Bruders zu kämpfen hat, muss, nachdem sein Vater ermordet wird, selbst die Rolle des Clanführers übernehmen und steht vor einer Entscheidung, deren Folgen nicht schwerwiegender sein könnten. Soll er trotz der immerwährenden Mahnung seines Vaters das Angebot des Schlammkönigs annehmen und sich sein Angebot anhören? Für Adam steht damit nicht nur das Schicksal seiner Familie auf dem Spiel, sondern er muss auch erkennen, dass ein moralischer Standpunkt immer seinen Preis hat.

Wie schon an seinen anderen Serien gelingt es Remender auch in Seven to Eternity in kürzester Zeit eine fantastische Welt zu erschaffen, die dem Leser zwar grundsätzlich fremd ist, allerdings stark vertraute Züge aufweist. So bedarf es keiner großen Anstrengung, sich in der Welt von Zhal zurechtzufinden und sich buchstäblich unter die Bevölkerung zu mischen. Zu groß sind die politischen und sozialen Parallelen unseres Alltags, als dass man gewisse Botschaften nicht einzuordnen wüsste. Das Kreativteam vermeidet allerdings eine Pauschalkritik und nimmt den Leser somit selbst in die Verantwortung sich seine/ihre Meinung zu bilden. Abseits dieser allegorischen Lesart liefert der erste Band von Seven to Eternity die komplette Exposition der Geschichte und lässt und Großes erwarten. Die Mischung aus einer schier unerschöpflichen Fantasie eingebettet in eine nahezu greifbare Realität macht diesen Band zu einem Page-Turner, der den Leser tief in seinen Bann zieht.

Es ist bei weitem noch zu früh, um absehen zu können, wie sich die Serie entwickeln wird und ob sie dieses hohe Niveau auch in den kommenden Heften halten wird können. Fest steht nur, dass Remender, Opeña und Hollingsworth hier etwas geschaffen haben, dass mich mit der Zunge schnalzen lässt. Beim ins Regal stellen merke ich schon, dass ich den Band schon bald noch einmal lesen möchte: Kompromissloser Pflichtkauf!

BEWERTUNG: 4 1/2 von 5 Sternen

Titel: Seven to Eternity
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Seven to Eternity #01-04
Autor: Rick Remender
Zeichner: Jerome Opeña
ISBN: 978-3-95981-557-4

Outcast 5

© Outcast Band 5

„Die Sünde ließ ihn von innen verrotten.“

In gewisser Weise sind Horrorgeschichten, so gruselig sie auch sein mögen, oftmals banale Erzählungen, die auf inhaltlicher Ebene jeglichen Anspruch vermissen lassen und sich rein auf ihre Schock- beziehungsweise Ekelmomente reduzieren lassen. Es sind Geschichten, die konzipiert wurden, um ihren Lesern das Fürchten zu lehren und ihnen das Blut in den Adern gefrieren zu lassen, jedoch völlig außer Acht lassen, diese Eigenschaften mit einem komplexen und vielschichtigen Inhalt zu verbinden, um so etwas zu erschaffen, das mehr ist als bloß blanker Horror. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel und so wird es wohl niemanden verwundern, dass auch der heutige Band abseits der gängigen Klischees einzuordnen ist. Denn Outcast als reine Horrorgeschichte abzustempeln und nicht weiter zu beachten, wäre, so viel sei an dieser Stelle gesagt, ein fataler Fehler.

Mittlerweile ist die Reihe bei Band 5 (Anm. d. Red. Nachzulesen ist die Rezension zu Band 4 hier) angelangt und schön langsam ergeben die schicken Hardcover Editionen von Cross Cult im Regal ein wirklich ansehnliches Bild. Nachdem uns der letzte Band mit einem üblen Cliffhanger zurückgelassen hat, überschlagen sich hier nun die Ereignisse. Kyle, der mittlerweile seine eigene Heimatstadt kaum noch betreten kann, lernt nicht nur einige brisante Details über seine Kräfte, sondern erfährt auch, dass er nicht der einzige Outcast in Rome ist. Währenddessen entwickelt sich Reverend Anderson immer mehr zu einem gefährlichen Fanatiker, der bereit ist, für seinen Glauben und die damit verbunden Mission über Leichen zu gehen. Die Kluft in der Gemeinschaft wird somit immer größer und die damit verbundenen Missverständnisse schwächen deren Zusammenhalt. In diesem Durcheinander scheint es so, als würden einige vergessen, wer hier wirklich der Feind ist – und der plant schon seinen nächsten Coup.

Robert Kirkman trifft auch mit diesem Band wieder voll ins Schwarze. Was vielversprechend und extrem ambitioniert begonnen hat, entwickelt sich immer mehr zu einem hochkomplexen Horror-Thriller. Outcast ist die perfekte Mischung aus düsterem Grusel und rationaler Furcht. Autor und Zeichner schaffen eine Welt, in der man fürchtet, was man nicht versteht und in der einfach nichts so ist, wie es scheint. Azacetas Zeichnungen sind, wie auch in den vorherigen Bänden, jedem Zweifel überhaben und sorgen in gewohnter Manier für ein mysteriös wirkendes Setting.

Dass die Serie gezielt einen Plan verfolgt und Kirkman die Leser geschickt häppchenweise mit Antworten füttert, ohne aber die Geschichte in die Länge zu ziehen, zeichnet Outcast als eine Reihe aus, die in keinem Regal fehlen sollte. Ich rate also jedem, sich zumindest die Zeit zu nehmen, ein paar Minuten darin zu blättern, denn ist man einmal dabei, lässt Outcast einen nicht mehr los.

BEWERTUNG: 4 1/2 von 5 Sternen
Titel: Outcast: Ein neuer Weg
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Outcast #25-30
Autor: Robert Kirkman
Zeichner: Paul Azaceta
ISBN: 9-783959-8-15499

Negan ist hier! Das Interview mit Charlie Adlard

© Negan ist hier – Crosscult

Während letzte Woche noch über Negans Vergangenheit berichtet wurde und ich mir Negan ist hier! einmal genauer angesehen habe, ermöglicht uns Cross Cult diese Woche ein Interview mit niemand geringerem als Charlie Adlard, dem Zeichner der The Walking Dead Serie, der natürlich auch Negans’ Herkunftsgeschichte in Szene setzt. Wie er die Figur und dessen Entwicklung sieht und wie seine Arbeit mit Robert Kirkman generell aussieht, könnt ihr im folgenden Gespräch nachlesen:

Stefan: Wann haben sich Du und Robert Kirkman dazu entschieden, Negan eine Origin Story zu spendieren und wieso?

Charlie: Negan hat generell eine etwas andere Entstehungsgeschichte im Vergleich zu anderen Figuren aus The Walking Dead. Normalerweise sendet mir Robert immer seine Vorstellungen zu einem Charakter und ich fertige dazu ein paar Sketche an. Negan bildet da eine Ausnahme. Es entstanden damals sechs verschiedene Cover, die jeweils einzelne Figuren und deren Waffen zeigten. So wollten wir die Saviors einführen. Eines der Cover zeigte einen Typen mit Lederjacke und einem Baseballschläger, welcher mit Stacheldraht umwickelt war. Später erzählte mir Robert, dass er keine Ahnung hatte, wie Negan aussehen sollte, bis er meine Zeichnung sah. Also nahmen wir das als Basis für den Charakter fügten noch einige Details hinzu, die Robert vorschlug, und Negan war geboren.

S: Origin Stories sind ja immer ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sind die Leser neugierig, wie die Biographie einer Figur aussieht, auf der anderen Seite nimmt man dem Charakter, wenn man zu viel verrät, oftmals seine interessanten Aspekte. Wie stehst du zu dieser Zwickmühle?

C: Ich habe das eigentlich nie wirklich als eine Zwickmühle gesehen. Vielleicht liegt es auch daran, dass das eher ein Frage ist, die den Autor und nicht so sehr den Zeichner betrifft. Dennoch kann ich dazu sagen, dass wir bewusst auf detaillierte Origin-Stories in The Walking Dead verzichtet haben. In erster Linie deshalb, weil die Serie auf das Hier und Jetzt fokussiert ist und keinerlei Herkunftsgeschichten bedarf. Bei Negan wurde uns allerdings schnell bewusst, dass wir, aufgrund seiner Entwicklung innerhalb der Serie, UNBEDINGT auf seine Vergangenheit eingehen mussten. Also spendierten wir ihm eine separate Origin-Story, die wir als abgeschlossene Geschichte veröffentlichten. Ich bin der Meinung, dass diese dem Charakter einiges gegeben hat und Negan vom gewöhnlichen Schurken zu einer der wohl am besten verstandenen Figuren innerhalb der Geschichte wurde. Wen du mich fragst, ist er mittlerweile einer der faszinierendsten Charaktere innerhalb der Serie.

S: Wie viel Charlie Adlard steckt in den Figuren von The Walking Dead und wie viel steckt insbesondere in dem Charakter von Negan?

C: Also, da ich die gesamten Figuren zeichne, würde ich sagen mein Anteil liegt bei 50%. Und so sollte das übrigens bei jedem guten Comic aussehen: Autor und Zeichner sind jeweils zur Hälfte am Ergebnis beteiligt. So läuft das nun mal. Ist der Anteil von einer der beteiligten Personen zu hoch, dann wirkt die Serie unausgeglichen und auf einmal, ist das Endprodukt nicht mehr so, wie ein Comic nun einmal sein sollte.

S: Negans Geschichte ist von persönlichen Verlusten geprägt, die er oftmals durch den Gebrauch von vulgärer Sprache und Gewalt kompensiert. Wie gehst du vor, um diese Emotionen auch zeichnerisch auf den Leser wirken zu lassen?

C: Das ist natürlich die große Herausforderung in The Walking Dead. Es geht immer nur um die Figuren und deren Emotionen. Das ist es aber auch, was ich an der Serie so schätze und was mich an ihr begeistert. Es ist oftmals eine Herausforderung, aber das ist auch der Grund, warum ich seit über 170 Einzelheften noch immer an der Serie beteiligt bin. Sicherlich ist es oft nicht leicht, aber wo wäre denn der Spaß, wenn es immer so einfach wäre? Es würde mit der Zeit langweilig werden und das würde man natürlich auch in meinen Zeichnungen sehen.

S: In Negan ist hier! gibt es einige Panels, die komplett ohne Text auskommen und trotzdem (oder sogar deswegen) eine starke Aussagekraft haben. Inwiefern unterscheidet sich der kreative Prozess des Erstellens solcher Panels im Vergleich zu denen mit Text/Dialogen?

C: Schlussendlich bin ich immer verantwortlich, eine Geschichte zu erzählen. Und gerade bei Comics ist das sicherlich das Wichtigste. Natürlich wird immer über die großartige Schreibweise und die phänomenalen Zeichnungen geredet, dennoch, am Ende steht immer die Geschichte selbst. Wenn ich keine Geschichte ohne Dialoge erzählen könnte, dann wäre ich falsch in meinem Beruf und sollte kein Comic Zeichner sein.

S: Wie viele künstlerische Freiheiten hast du als Zeichner der Serie? Man liest ja immer wieder über Autoren die strikte Vorgaben haben, aber auch jene, die dem jeweiligen Zeichner viele Freiräume einräumen? Was für ein Typ ist Robert Kirkman?

C: Robert ist ein Minimalist was das angeht – und das gefällt mir. So habe auch ich mehr Spielraum innerhalb des Skripts und es fühlt sich nicht so an, als ob ich an alles gebunden wäre, was der Autor schreibt. Wie ich schon sagte, ich trage genau so viel zur Geschichte bei wie Robert. Er liefert das bestmögliche Skript und ich lasse anschließend meine Phantasie spielen. Außerdem arbeiten wir mittlerweile seit 14 Jahren Monat für Monat zusammen. Wenn wir während all dieser Zeit keinerlei Gespür für den anderen bekommen hätten, würde etwas gewaltig falsch laufen.

Vielen Dank für das Interview!

Und vielen Dank an den Cross Cult-Verlag, der dieses Interview möglich gemacht hat!

Here’s Negan

© Here’s Negan

„Es ist Zeit, dass ich euch von Lucille erzähle.“

Wir Comicleser sind schon eine eigenartige Spezies: Gewohnheitstiere durch und durch und dennoch stets darauf bedacht, nach Veränderungen zu lechzen, um eben diese, sollten sie wirklich eintreten, heftig zu kritisieren. Ein ähnliches Phänomen lässt sich auch bei Charakterbiographien, den sogenannten Origin-Stories, beobachten. Wissbegierig und in stetiger Erwartungshaltung streben wir danach, möglichst viel über die Figuren, denen wir treu ergeben sind, zu erfahren. Dieser Wunsch wird uns zwar häufig erfüllt, denn beinahe allen großen Charakteren wurde mindestens eine solche Herkunftsgeschichte spendiert, dennoch rutschen wir immer wieder in das alte Muster und beschweren uns über genau das, was wir uns ursprünglich gewünscht haben. Mit diesen und noch vielen anderen typischen Verhaltensmustern von uns Fanboys und Fangirls sehen sich Comicverlage und deren Autoren täglich konfrontiert und müssen kontinuierlich lernen, damit umzugehen. Robert Kirkman und Charlie Adlard wagen sich trotz der beschriebenen Umstände aufs Glatteis und veröffentlichen in einem abgeschlossenen Band die Herkunftsgeschichte des wohl berüchtigtsten fiktionalen Schurken Virginias: Negan!

Wer die Comicserie, welche im schicken Hardcover bei Cross Cult erscheint, oder die gleichnamige Fernsehserie von The Walking Dead regelmäßig verfolgt, der weiß, mit welcher Sorte Mensch man es zu tun bekommt, wenn Negan den Raum betritt. In ständiger Begleitung seiner geliebten Lucille, einem Baseballschläger, der mit Stacheldraht umwickelt wurde, hatte dieser Mann schon mehrmals die Gelegenheit sich dem Leser beziehungsweise dem Zuseher von seiner besten Seite zu präsentieren. Brutal, rücksichtslos und durchwegs gut gelaunt lässt uns Negan immer wieder aufs Neue innerlich zusammenzucken. Doch was musste geschehen, um solch einen Psychopathen hervorzubringen und wie war er, bevor die Welt den Bach runter ging? Diese und weitere Fragen greifen Kirkman und Adlard im vorliegenden Band, Negan ist hier!, auf und gewähren dem Leser Einblicke in sein Leben.

Auf 76 Seiten erzählen Autor und Zeichner eine Geschichte, die dem selben Schema folgt wie die Hauptserie und uns gnadenlos unangenehme Realitäten vor Augen führt. In einer für Kirkman ungewohnt flotten Art wird hier das Bild eines Mannes gezeichnet, welcher Schwierigkeiten hat, seine Gefühle zu zeigen und zu kontrollieren. Ein tragischer Schicksalsschlag drängt ihn zunehmend in die soziale Isolation und lässt ihn emotional abstumpfen. Durch seinen unbändigen Überlebenswillen und einen stark ausgeprägten Beschützerinstinkt überlebt Negan die ein oder andere ausweglose Situation und wird dadurch immer mehr zu einer Führungsfigur innerhalb diverser Gruppierungen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass genau diese und noch weitere Attribute auch auf Rick Grimes zutreffen. Neben weiteren Details aus Negans Vergangenheit und der Bedeutung einzelner Habseligkeiten vermeiden es Kirkman und Adlard zu viel zu verraten und damit der Figur einiges an Tiefe zu rauben. Auch der klassischen Transformationsgeschichte, in der ein Ereignis einen Menschen komplett verändert, kehren sie den Rücken und zeigen Negan von Beginn an als einen sozialen Grenzgänger, dessen Leben von Auf und Abs gekennzeichnet ist. Vielleicht ist genau das die größte Überraschung in diesem Band.

Ob ein eigener Comic wirklich nötig war, um den geneigten Leser auf die Komplexität der Figur hinzuweisen, bleibt wie üblich die Gretchenfrage, welche jeder für sich selbst beantworten muss. Ohne zu viel vorwegzunehmen lässt sich dennoch sagen, dass Negan ist hier! sicherlich eine nette Ergänzung zur Hauptserie ist, die einen weder langweilt, noch die Freude an der Figur nimmt. Allein dies ist auf jeden Fall ein Qualitätsmerkmal, mit dem nicht jede Origin-Story punkten kann.

BEWERTUNG: 3 von 5 Sternen
Titel: Negan ist hier!
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: The Walking Dead: Here’s Negan!
Autor: Robert Kirkman
Zeichner: Charlie Adlard & Cliff Rathburn
ISBN: 978-3-95981-630-4

Outcast 4

© Outcast 4

 

Wer bist du, den Willen Gottes zu verwehren?“

Dass Robert Kirkman ein Meister darin ist, altbekannten Konzepten neues Leben einzuhauchen, beweist er in mittlerweile 28 erschienen Bänden von The Walking Dead mehr als eindrucksvoll. Parallel zu den Zombies wagt sich der Amerikaner allerdings auch an ein ebenso stark etabliertes Genre heran und liefert mit Outcast eine Horror-Story, die uns tief in den Bereich des Exorzismus führt. Kirkman bedient sich für den Aufbau und für das Setting am Repertoire einer Enthüllungsgeschichte, indem er sowohl seine Figuren als auch die gezeigten Schauplätze mit einer gewissen Dramatik und Dunkelheit auflädt, die Lesern viel Spielraum für Interpretationen lassen. Zusätzlich unterwandert er immer wieder geschickt und sehr subtil genre-spezifische Stereotypen und schafft es dadurch, Spannung und Grusel aufrecht zu erhalten.

Im vierten Band dieser Reihe liefert uns der Autor erstmals Antworten auf einige der Fragen, die uns Lesern seit dem ersten Band unter den Fingernägeln brennen. Kyle, der sich mittlerweile seiner Kräfte bewusst ist, diese allerdings nicht zuordnen kann, gerät zunehmend in Bedrängnis und muss einige ungemütliche Entscheidungen treffen. Auch Reverend Anderson wird schonungslos mit Wahrheiten konfrontiert, die sein gesamtes Welt- und Glaubensbild heftig auf den Kopf stellen. Es scheint so, als ob in der Kleinstadt Rome, in West Virginia, weitaus mehr Menschen besessen sind, als er und Kyle bisher vermutet haben. Zu allem Überfluss steht nun auch der vermeintliche Feind direkt vor der eigenen Haustür und so müssen beide Protagonisten entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Eine Entscheidung, deren Folgen schwerwiegender nicht sein könnten.

Obwohl sich Kirkman mit The Walking Dead die Latte selbst sehr hoch gelegt hat, beweist er mit Outcast seit mittlerweile über zwei Jahren, dass er ein durchaus facettenreicher Schreiber ist. Hier glänzt er vor allem mit breitgefächerten Charakteren, die sich von Ausgabe zu Ausgabe weiterentwickeln und mit denen man sich, aufgrund ihrer authentischen Handlungen, leicht identifizieren kann. Zusätzlich schafft es Kirkman immer die richtigen Zeichner ins Boot zu holen und hat mit Paul Azaceta wohl einen der begabtesten Künstler der Szene an Board. Der Mann ist ein Meister seines Faches und überzeugt durch eine geniale Farbwahl und einem ausgeklügeltem Licht-Schattenwechsel, der großen Anteil an der düsteren Atmosphäre hat. Zusätzlich etabliert Azaceta seit dem ersten Band eine sehr eigenwillige und repetitive Panelstruktur, die perfekt mit Kirkmans eher mäßigem Erzähltempo harmoniert und so eine belastend dunkle Stimmung erzeugt.

Allein aufgrund der bereits angesprochenen Charakterentwicklung würde ich jedem dringend raten, bei Band eins einzusteigen, um so die Story in voller Länge genießen zu können. Der vorliegende Band eignet sich allerdings auch bestens als Einstieg, da genau hier ein neuer Abschnitt beginnt und man somit der Geschichte problemlos folgen kann. Wie man es auch dreht und wendet, Outcast ist und bleibt ein unumgänglicher Pflichtkauf.

BEWERTUNG: 4 ½ von 5 Sternen

Euer Stefan

Titel: Outcast: In den Fängen des Teufels
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Outcast #19-24
Autor: Robert Kirkman
Zeichner: Paul Azaceta
ISBN: 9-783959-8-10852

Mouse Guard Fall 1152

© David Petersen


Sterben ist ebenso eine mächtige Waffe wie ein leichter Ausweg.“

Anthropomorphe Tierfiguren haben in der Literatur eine lange Tradition. Von den Bremer Stadtmusikanten bis hin zu sprechenden Schweinen, die eine Revolte auf dem Bauernhof auslösen, prägen Tiere, als Stilmittel um stereotype Charaktere darzustellen, die Literaturlandschaft. Auch der Comic öffnete sich diesem Zugang und so entstanden Meisterwerke wie Maus oder auch Blacksad. Die Mouse Guard Reihe, welche vom aufstrebenden Amerikaner David Petersen sowohl geschrieben als auch gezeichnet wird, greift diese Tradition nun auf und präsentiert uns eine Mäusegesellschaft, welche nach dem Winterkrieg um 1149 damit beschäftigt ist, ihre Territorien zu sichern und ihre Bürger zu schützen. Hierfür zuständig ist eine kleine Schar von Nagern, die sich die Wächter nennen.

Der erste Band dieser Reihe ist in sechs Kapitel gegliedert, die zwar an unterschiedlichen Schauplätzen spielen, dennoch dicht miteinander verwoben sind. Im Fokus steht die Wächtergruppe rund um Liem, Kenzie und Saxon, drei tapfere Mitglieder der Wache, die das Verschwinden eines Kornhändlers aufklären soll, welcher auf seiner üblichen Handelsroute plötzlich verschollen ist. Schnell stellt sich heraus, dass dies erst der Anfang eines großen Abenteuers ist, denn wie sich zeigt, hatte die verschwundene Maus geheime Dokumente bei sich, welche nie in ihren Besitz hätten kommen dürfen. Die drei Mäuse von der Wache können an dieser Stelle nur erahnen, wie ernst die Lage tatsächlich ist. Denn wie sich im Laufe des Bandes herausstellen soll, befindet sich das Mäusereich in höchster Gefahr.

In Mouse Guard: Herbst 1152 zeigt der ambitionierte David Petersen nicht nur sein Gespür für eine fesselnde Geschichte, sondern stellt Seite für Seite sein enormes Können mit dem Zeichenstift unter Beweis. Liebevoll ausgearbeitete Settings, welche alternierend mit stark gewählten Kontrasten und hoch detaillierten Hintergründen ausgeschmückt werden, bilden den fruchtbaren Nährboden von dem jedes Element der Geschichte zehrt. Die bilderbuchartigen Zeichnungen, denen zugegebenermaßen oftmals die Dynamik fehlt, stellen den Text an vielen Stellen in den Schatten und erzählen somit ihre ganz eigene Geschichte. Zudem schafft es Petersen innerhalb eines Bandes, eine ganze Welt zu kreieren, die er nicht nur mit einer eigenen Mythologie ausstattet, sondern auch explizit topographisch verortet. Seine tendenziell nicht komplett ausformulierten Charaktere, welche durchaus als Genre-spezifische Projektionsflächen fungieren, bilden das finale Puzzlestück, welches Mouse Guard zu einem künstlerischen Bollwerk werden lässt.

Ein durchdachter Epilog mit viel Zusatzmaterial und wunderschönen Illustrationen des Autors und Künstlers laden abschließend noch zum Staunen und Genießen ein. Der Band endet so eindrucksvoll, wie er beginnt und entlockt dem aufmerksamen Leser zum Schluss noch ein Schmunzeln, wenn es heißt: „Der Winter naht!“

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Euer Stefan

Titel: Mouse Guard: Herbst 1152
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Mouse Guard #01-06
Autor: David Petersen
Zeichner: David Petersen
ISBN: 978-3-936480-55-9

Paper Girls 2

© Paper Girls


„Das Hier und Jetzt ist weder hier noch jetzt.“

Den meisten ist der Name Brian K. Vaughan vor allem im Bezug auf die Erfolgsserie Saga, welche Jahr für Jahr fröhlich Eisner-Awards hamstert, ein Begriff. Zuvor lieferte uns der talentierte Autor aus Cleveland allerdings auch schon Meilensteine wie Y: The Last Man oder Die Löwen von Bagdad. Für sein neuestes Projekt widmet er sich nun gemeinsam mit Zeichner Cliff Chiang und dem Koloristen Matt Wilson einer farbenfrohen Science-Fiction Serie, welche sich Paper Girls nennt.

Die Geschichte knüpft nahtlos an den ersten Band an und so kommt es gleich zu Beginn zu einer verheißungsvollen Begegnung. Erin Tieng, die vermeintliche Protagonistin, trifft in Begleitung der anderen Mädchen auf ihr zukünftiges Ich und muss erfahren, dass viele Dinge wohl doch nicht so gelaufen sind, wie sie sich das erhofft hätte. Formten im ersten Teil der Serie noch die späten 1988er Jahre die zeitliche Rahmung der Geschichte, so müssen die Teenager nun die bittere Realität des Jahres 2016 in Kauf nehmen. Diese wirkt wiederum, trotz Flatscreen TVs und Smartphones, weitaus trostloser, als gedacht. Doch eigentlich sind diese Erkenntnisse nur Randnotizen. Vielmehr müssen Erin, Mac und Tiffany schleunigst versuchen, das letzte Mitglied ihrer Gruppe zu finden. Denn wie es scheint, wurde KJ in einer anderen Zeit abgesetzt …

Man könnte meinen, dass sich Paper Girls schablonenhaft am Aufbau einer Zeitreise-Story orientiert und dahingehend wenig innovativ ist. Man würde dem Werk allerdings nicht gerecht werden, indem man es nur auf seine Struktur reduziert. Paper Girls ist eine dieser Geschichten, in welcher die Story den Themen weichen muss. Zugegeben, Vaughan drückt dem Ganzen durch den Einsatz zahlreicher abgedrehter Elemente wie berittene Flugsaurier oder Godzilla ähnlichen Bärentierchen, welche in teils abstruser Art und Weise auftreten, doch seinen sehr persönlichen Stempel auf. Dennoch würde ich meinen, dass die große Stärke dieser Serie in den Charakteren und deren Handlungsfeldern zu finden ist. Die großartigen Zeichnungen von Cliff Chiang und die fantastische Kolorierung von Matt Wilson erwecken die Welt(en), in denen sich die Mädchen tummeln, zum Leben und schaffen es, Seite für Seite für „Wow-Momente“ zu sorgen. Wie üblich spart Vaughan auch in Paper Girls nicht mit gesellschaftlicher Kritik. Subtil und oft nur rudimentär wahrnehmbar werden Probleme unserer Zeit angesprochen, ohne dass sie direkt benannt werden. Ohne die Handlung zu unterbrechen, entsteht somit eine Art Verfremdungseffekt, der jegliche Illusion im Keim erstickt. Am Ende bleibt eine herzerwärmende Geschichte über Freundschaft und der Sehnsucht nach einer besseren Welt. Unbedingt zugreifen!

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Euer Stefan

Titel: Paper Girls Band 2
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Paper Girls #06-10
Autor: Brian K. Vaughan
Zeichner: Cliff Chiang & Matt Wilson
ISBN: 978-3-95981-410-2