Nameless

© Nameless


„Nichts ist real.“

Kaum jemand schafft es, seine Leser derart zu fordern wie Grant Morrison. Unter der Vielzahl seiner Geschichten, die das komplette Genre-Spektrum abdecken, finden sich sowohl klassische Superhelden-Stories wie sein mittlerweile legendärer Batman-Run als auch Stories von weitaus unbekannteren Helden wie Animal Man oder gar die Doom Patrol. Stets darauf bedacht, die für ihn wichtigen Thematiken zu abstrahieren und in den unterschiedlichsten Kontexten neu zu erschaffen, setzt Morrison, in beinahe all seinen Werken, auf den Intellekt und den Willen seines Publikums. Es ist unbestritten, dass dieser Mann für zahlreiche Meilensteine innerhalb des Genres verantwortlich ist und durch sein Zutun die Grenzen des Comics getestet und letztlich sogar gedehnt hat. Ebenso kann man pauschal anführen, dass ein Werk aus der Feder Grant Morrisons nicht unbedingt für den schnellen Genuss bestimmt ist, sondern durchaus zum wiederholten Lesen einlädt. So verhält es sich auch mit dem vorliegenden Werk, Nameless, dass der gebürtige Schotte gemeinsam mit dem begnadeten Zeichner Chris Burnham in die Welt gesetzt hat. Was die beiden hier präsentieren, lässt sich wohl am ehesten als eine okkulte Horror-Story beschreiben, welche im Weltall seinen Ursprung nimmt und die Leserschaft auf einen psychedelischen Trip einlädt, den es nicht so schnell vergessen wird.

Ein gigantischer Asteroid, welcher Xibalba genannt wird, rast mit höllischer Geschwindigkeit auf die Erde zu und wird diese in exakt 33 Tagen erreichen. Nicht ganz unbegründet stammt der Name dieses Ungetüms aus dem Vokabular der Maya und beschreibt nichts anderes als deren Vorstellung der Unterwelt, dem Ort des Schreckens. Ein exzentrischer Milliardär namens Paul Darius stellt daraufhin eine Crew zusammen und schickt eben diese ins Weltall, um die Welt vor dem Untergang zu retten. Teil dieses Teams ist auch ein Experte für den Bereich des Okkulten und der dunklen Künste, der auf den Namen Nameless hört und versuchen soll, das Böse auf diesem Asteroiden zu stoppen. Die Mission, welche von Beginn an durch brutale Ereignisse gekennzeichnet ist, entpuppt sich schnell als Himmelfahrtskommando und die Crew erkennt relativ rasch, dass dies kein gewöhnlicher Planetoid ist. Was als Abenteuer-Expedition begonnen hat, entwickelt sich schlussendlich zu einem abnormalen Kampf um Leben und Tod.

Wie üblich für viele seiner Werke lässt sich auch dieser Morrison-Titel schwer in eine Schublade stecken. In erster Linie jedoch handelt es sich bei Nameless vor allem um einen paranormalen Höllenritt, der sich Anleihen aus den unterschiedlichsten Ecken der Medienlandschaft holt. Einer stark an Armageddon erinnernden Space-Atmosphäre wird in großer Menge okkulter und teilweise haarsträubender Zauber hinzugefügt, um das Ganze in einem neuen Licht zu präsentieren. Morrsions’ Ideen sind nicht neu, aber dennoch an vielen Stellen treffend, um das von ihm gewünschte Maß an Irritation zu erzeugen. Ohne die Vorstellungskraft des Meisters schmälern zu wollen, muss man an dieser Stelle dennoch anmerken, dass diese Geschichte Großteils ausschließlich vom fantastischen Artwork von Chris Burnham lebt. Dieser schafft es, die teilweise doch arg verdrehten Ideen Morrisons einzufangen und dessen Abstraktheit detailgenau auf die Seiten zu zaubern. Nathan Fairbairns Farbwahl, die irgendwo zwischen konservativ und verrückt anzusiedeln ist, gibt dem Ganzen zusätzlich eine vertraute Note, die das Werk da und dort elegant ausbalanciert. So subtil Morrison üblicherweise seine Brotkrümel streut, so sehr hämmert er in diesem Band seine Botschaften repetitiv in die Hirne seiner Leser. Auch der durchaus ansprechende Plot, welcher an sich jegliche Interpretation zulässt, mag an dieser Stelle nicht darüber hinwegtäuschen, dass Nameless eine zentrale, wenn auch verstörende, Botschaft an sein Publikum richtet, die offenbar gehört werden soll.

Dass Cross Cult dem Band einen dermaßen edlen Einband mit reflektierenden Akzenten spendiert, spricht einmal mehr für die hervorragende Verlagspolitik der Ludwigsburger und wird dem Ganzen schließlich auch gerecht. Wer Grant Morrison bisher bedingungslos in dessen verspielte Phantasie gefolgt ist, der wird unter Garantie auch diesen Band lieben. Der Rest sei an dieser Stelle allerdings gewarnt, denn stellenweise lehnt sich der Gute hier ein Spur zu weit aus dem Fenster, was der Story zwar keinen Abbruch tut, den Leser allerdings nahe an die Frustrationsgrenze treibt.

BEWERTUNG: 3 von 5 Sternen

Titel: Nameless
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Namelesss #01-06
Autor: Grant Morrison
Zeichner: Chris Burnham & Nathan Fairbairn
ISBN: 978-3-95981-426-3

Klaus

© Klaus

„Euch auch ein frohes Julfest …“

Während in Österreich die Menschen jedes Jahr am Abend des 24. Dezember auf das Christkind warten und vor allem die Kinder den Klang des wunderbaren Glöckchens, welches die Bescherung einläutet, kaum erwarten können, müssen sich andere noch ein wenig länger gedulden. In den USA bringt nämlich kein blond gelocktes Kind mit Flügeln die vielen Geschenke, sondern ein dicker Mann mit weißem Rauschebart. In der Nacht auf den 25. schwirrt Santa Claus mit seinem von Rentieren gezogenen Schlitten an und steigt über den Kamin in die einzelnen Häuser ein, um seine Geschenke unter dem Christbaum zu platzieren. Dabei verzehrt er genüsslich die für ihn bereiteten Kekse zu denen auch ein Gläschen Milch nicht fehlen darf. Am Morgen, wenn die leuchtenden Kinderaugen freudig die Geschenke öffnen, fehlt von dem guten Wohltäter bereits jegliche Spur. Doch wer ist dieser selbstlose Mann und vor allem woher kommt er? Diesen und noch vielen weiteren Fragen gingen der schottische Star-Autor Grant Morrison und der herausragende Zeichner Dan Mora auf den Grund und spendierten dem guten Santa eine eigene Comic-Serie, die nun auch komplett im edlen Hardcover bei Panini Comics vorliegt. Wer hier eine abgedrehte Story rund um einen Mann im reifen Alter erwartet, wie sie für Morrison durchaus typisch gewesen wäre, der wird enttäuscht. Vielmehr schaffen es die Künstler dem edlen Santa Claus menschliche Züge zu geben und beginnen dessen Geschichte dort, wo man sie auch vermuten würde: mitten unter den Menschen.

Klaus, der zurückgezogen in der Wildnis lebt, findet nach langer Zeit wieder seinen Weg in die ehemals festliche Stadt Grimsvig. Es ist Winter und der mittlerweile als Fremder angesehene Klaus muss feststellen, dass sich einiges geändert hat seit seinem letzten Besuch. Die winterliche Kälte durchzieht mittlerweile alle gesellschaftlichen Schichten und so arbeitet die arme Bevölkerung in den Minen und hungert, während sich das Stadtoberhaupt, Lord Magnus, an den Erträgen bereichert. All die Freude und die Hoffnung, welche im Zeichen des alljährigen Julfestes zelebriert werden sollten, sind wie weggefegt und dem Kummer und der Not gewichen. Als Klaus versucht dies zu ändern und alles in seiner Macht stehende unternimmt, um den Leuten die Freude buchstäblich zurückzubringen, muss er schnell merken, dass ihm eine weitaus größere Bedrohung gegenübersteht als ursprünglich angenommen. Wie es scheint, ist Kohle nicht das einzige, was dieses Jahr geerntet werden soll.

Was Morrison und Mora hier in sieben US Heften auf die Seiten zaubern, lässt sich nur schwer in eine Kategorie pressen. Klaus’ Geschichte liest sich wie ein bebilderter Fantasy-Roman, welcher der geschilderten Kälte mit menschlicher Selbstlosigkeit begegnet. Die für Morrison typische Verwirrung des Lesers und sein Spiel mit den Grenzen des Mediums werden in diesem Band völlig ausgespart und sowohl Autor als auch Zeichner konzentrieren sich darauf, einen möglichst glaubhaften (Santa) Klaus zu präsentieren. Somit entsteht ein überraschend actiongeladenes Abenteuer eines durchaus bekannten Mannes, dessen Vergangenheit aufregender ist, als von so Manchen angenommen. Dass die Story in diesem Zuge allerdings nie an Glaubwürdigkeit verliert, zeigt einmal mehr, was für ein Talent Morrison besitzt und bekräftigt mich in der Annahme, dass der Mann zu jedem Zeitpunkt weiß, was er tut. Die von Dan Mora beigesteuerten Zeichnungen, die vor allem durch detaillierte Natur- und Stadtlandschaften begeistern, bilden das Sahnehäubchen auf einem weihnachtlichen Leckerbissen.

Dass der Band bis auf die Cover-Galerie und ein paar kurzen Worten zu Autor und Zeichner völlig auf Zusatzmaterial verzichtet, dürfte der einzige Kritikpunkt sein, den man dieser Veröffentlichung vorwerfen kann. Klaus ist eine herzerwärmende und flott erzählte Familiengeschichte, die sich perfekt als Geschenk unter dem Weihnachtsbaum eignet. Wer allerdings zu spät dran ist, dem sei gesagt, dass man diesen Band auch noch getrost nach dem 24. lesen kann und dies auch unbedingt tun sollte.

BEWERTUNG: 4 1/2 von 5 Sternen

Titel: Klaus – Die wahre Geschichte von Santa Claus
Verlag: Panini Comics
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Klaus #01-07
Autor: Grant Morrison
Zeichner: 978-3-7416-0524-6