Hellboy Kompendium 2

© Hellboy

Ich bin alles, was du hättest sein können, alles was du hättest sein sollen.“

Von vielen als Mignolas Meisterwerk gehandelt, ist Hellboy spätestens seit Guillermo del Toros 2004 erschienener Filmadaption auch einer breiteren Masse ein Begriff. Zugegeben dem roten Teufel fehlt auch heute noch die kulturelle Reichweite, wie sie zum Beispiel Spider-Man oder Batman genießen. Dennoch, so kann man behaupten, erfreut sich Hellboy zunehmend einer größeren Beliebtheit, was in erster Linie mit der Qualität dieser Story zu tun haben dürfte. Nicht ohne Grund verkaufen sich die Einzelbände der Serie, welche 1993 ins Leben gerufen wurde, wie warme Semmeln. Cross Cult, der deutsche Heimatort des roten Dämonen, entschloss sich deshalb die komplette Saga koloriert und in gesammelter Form neu aufzulegen und präsentiert mit den Hellboy Kompendien eine hochwertige Fassung dieses kongenialen Meisterwerks, die seinesgleichen sucht.

Der zweite Band dieser Neuauflage beinhaltet drei weitere Hellboy-Abenteuer und führt den Leser immer tiefer in dieses wunderbar vielfältige Universum hinein. Die drei klassischen Geschichten, Die rechte Hand des Schicksals, Sieger Wurm und Seltsame Orte, welche dieser Band umfasst, bringen uns nicht nur einigen Antworten auf offene Fragen ein Stück näher, sondern erläutern auch die schwierige Beziehung zwischen dem roten Protagonisten und der B.U.A.P. Die schon immer etwas angespannte Lage scheint hier auf unüberwindbare Differenzen zu stoßen und die gemeinsamen Wege scheinen sich hier endgültig zu trennen. Der restliche Band steht dieser Story um nichts nach und Mike Mignola demonstriert durchgehend sein besonderes Talent, Kurzgeschichten, die einen stets berühren, zu verfassen.

Abseits der vorzüglichen Schreibarbeit setzen Mignolas Zeichnungen in diesem Band ein weiteres kräftiges Ausrufezeichen. Sein eigenwilliger Stil, der geprägt ist von einem harten Strich und groben Silhouetten, komplimentiert das Erzählte in einer unbeschreiblich stringenten Art und Weise, sodass man noch tiefer in den Bann der Geschichte gezogen wird. Die oftmals matt wirkenden Hintergründe, welche die Bildelemente schlicht aber wirksam aufwerten, markieren einen weiterer Kunstgriff Mignolas, der dessen Arbeiten das gewisse Extra verleiht. Dave Stewarts Farben, die an keinem Helden besser wirken als an Hellboy, fügen dem Ganzen noch eine weitere Ebene hinzu, auf der sich das Narrativ fortwährend ausbreiten kann.

Mignolas Konzeption der kompletten Saga, die zwar in einer ausdefinierten Kontinuität verankert ist, jedoch in unterschiedlicher Reihenfolge gelesen werden kann, zeugt von einem tiefen Verständnis für das Medium an sich. Ohne dem Meta-Narrativ die Qualität absprechen zu wollen, sind es tatsächlich die einzelnen Abenteuer, die den roten Teufel quer über den Globus führen, die sowohl für die Prägung der Figur als auch für den ungebrochenen Lesegenuss verantwortlich sind.

Zweifellos muss Hellboy mittlerweile zu den ewigen Klassikern gezählt werden und sollte in jeder besser sortierten Comic-Sammlung seinen Platz finden. Trotz einer vielfältigen und facettenreichen Historie muss niemand vor einem Einstieg zurückschrecken. Mignola entwirft seine Abenteuer so, dass der serielle Grundton eher zum Nebengeräusch wird. Die Magie findet auf einer anderen Ebene statt; und auf dieser sollten wir uns alle einfinden!

BEWERTUNG: 41/2 von 5 Sternen

Titel: Hellboy Kompendium 2
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Hellboy: Right Hand of Doom, Conqueror Worm, Strange Places;
Autor: Mike Mignola
Zeichner: Mike Mignola & Dave Stewart
ISBN: 978-3-95981-069-2

Baltimore 1 & 2

© Baltimore


„Ich brauche keinen Glauben.“

Wie in der erst kürzlich erschienenen Besprechung von The Amazing Screw-On Head angedeutet, war dies erst der Auftakt, um in die schier grenzenlose Welt des Mike Mignola einzusteigen. Man muss allerdings nicht lange suchen, um auf diesem Gebiet fündig zu werden. Cross Cult bemüht sich seit Jahren, auch den deutschen Markt mit den genialen Werken dieses einzigartigen Künstlers zu versorgen und präsentiert zahlreiche Geschichten in sogenannten Kompendium-Bänden, die sich wohl am besten als literarischer Ziegelstein beschreiben lassen. Diese liebevoll zusammengestellten Bände ermöglichen es, auch weniger bekannte Titel zu veröffentlichen und dem Leser ein kompaktes Lesevergnügen zu liefern. Die beiden Baltimore-Bände, von denen das erste Volume bereits nach kürzester Zeit komplett vergriffen war und das sich mittlerweile in der zweiten Auflage befindet, bilden hier keine Ausnahme. Die knapp 1100 Seiten(!) versorgen uns hier mit einem andauernden Lesevergnügen, das es gewaltig in sich hat.

Mitten im ersten Weltkrieg, in den Lord Henry Baltimore verwickelt ist, bricht zusätzlich eine fatale Pest-Katastrophe aus, welche den Menschen schwer zusetzt und die Schrecken des Krieges damit noch verstärkt. Als wäre das noch nicht genug, beginnen sich einige der Pesttoten nach ihrem qualvollen Ableben wieder zu erheben und veranschaulichen beinahe symbolisch den wahren Ursprung dieser Krankheit: Vampire. Deren Anführer, ein brutaler Mann namens Haigus, der Baltimore erbittert gegenübersteht bildet an dieser Stelle die Speerspitze des Bösen und repräsentiert auch den absoluten Kontrast zu dem vermeintlichen Helden. Der konstant brutale Grundton der Geschichte, der an keiner Stelle Tiefe vermissen lässt, baut sich auf dieser Feindschaft auf und trägt die zahlreichen Handlungsstränge.

Die Komplexität dieser Geschichte, die sich durch beide Bände kompromisslos durchzieht und somit für ein ausgeglichenes Verhältnis von Spannung und Entspannung sorgt, wird bis zum Schluss ausgebaut und löst sich erst im zweiten Teil des zweiten Bandes in ein gut geplantes und perfekt orchestriertes Ende auf. Die zahlreichen Nebenhandlungen, welche durch die großartige Diversität der Figuren getragen werden, umfassen Geschichten rund um Vampire, Monster und Menschen, die einfach gelesen werden wollen. Die Welt, die Mignola hier aufbaut ist sowohl kreativ-innovativ als auch leicht zugänglich, was dieses Abenteuer noch einmal mehr aufwertet. Im Gegensatz zu anderen Werken von ihm zeichnet Mignola hier nicht und überlässt den Pinsel Ben Steinbeck und Peter Bergting, die dem Werk durch ihre individuelle Klasse noch einmal eine persönliche Note hinzufügen.

Will man hier die Nadel im Heuhaufen suchen, so muss man sicherlich den doch recht hohen Anschaffungspreis von 50 Euro pro Band nennen. Sicherlich ist dies die wohl größte Hemmschwelle Baltimore in die eigene Lesebiographie aufzunehmen und in diese düster anmutende Welt einzutauchen. Wer allerdings die Muße findet an dieser Stelle seinen Geldbeutel zu lockern oder die ein oder andere Wunschliste geschickt präpariert, der darf Großes erwarten.

BEWERTUNG: 4 1/2 von 5 Sternen

Titel: Baltimore 1 & 2
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Baltimore Volume 1: The Plague of Ships, Vol.2: The Curse Bells, Vol 3.: A Passing Stranger and Other Stories, Vol. 4: Chapel of Bones, Vol. 5: The Apostle and the Witch of Harju, Vol. 6: The Cult of the Red King, Vol. 7: Empty Graves, Vol. 8: The Red Kingdom
Autor: Mike Mignola & Ben Steinbeck
Zeichner: Peter Bergting & Christopher Golden

The Amazing Screw-On Head und andere seltsame Dinge

© The Amazing Screw-On Head und andere seltsame Dinge


Ihr, Sir, seid der größte Zauberer der Welt“

Ein typisches Merkmal vieler Lesebiographien ist, dass sie einige Autoren oder Werke favorisieren, während andere ungewollt außen vor gelassen werden. Dies kann vielerlei Gründe haben: Von der einfachen Ratlosigkeit und dem ewigen Dilemma „Ich weiß nicht wo ich anfangen soll“ bis hin zu einer simplen undefinierbaren Hemmschwelle, die es einfach irgendwann zu überwinden gilt. Letzteres trifft in diesem Fall auf mich zu und umso mehr freue ich mich nun, endlich die Zeit und auch den Willen gefunden zu haben, das vorliegende Werk in Angriff zu nehmen. Mit The Amazing Screw-On Head und andere seltsame Dinge bringt Cross Cult das perfekte Einstiegswerk, um einmal in die Welt von Mike Mignola hinein zu schnuppern. Und eins kann ich euch jetzt schon versichern: Diese Welt wird mich so schnell nicht mehr los.

Obwohl der Titel vermuten lässt, dass im Zentrum der Geschichte der Amazing Screw-On Head steht, handelt es sich bei diesem Werk vielmehr um eine Art Sammlung von Kurzgeschichten, die in sich abgeschlossen sind. Los geht es dennoch mit dem oben genannten Helden, der in Wahrheit ein für die US – Regierung tätiger Agent ist, welcher seinen Kopf auf unterschiedliche Rüstungen schrauben kann und streng geheime Missionen erledigt. In diesem Falle ist der Auftraggeber niemand Geringerer als der 16. Präsident der Vereinigten Staaten, Abraham Lincoln. Screw-On soll sich auf die Suche nach dem gefährlichen Imperator Zombie machen, der einige dunkle Schriften gestohlen hat und nun versucht, ein Juwel zu finden, welches ihm übernatürliche Kräfte verleiht. Weiter geht es mit einer Geschichte, die sich um den jungen Abu Gung dreht, der über eine Bohnenranke mit dem Teufel in Kontakt tritt. Eine märchenhaft aufgebaute Story, die unerwartete Verbindung zur vorherigen Erzählung aufweist. Dicht darauf folgt dann mein persönliches Highlight des Bandes mit einer Geschichte, die unter Mithilfe von Mignolas siebenjähriger Tochter entstanden ist. So verrückt es auch klingen mag, erzählt dieser Teil von einer Schlange, die verschiedene Gebilde vom Dach eines Hauses anbrüllt und zum Verschwinden auffordert. Nach zwei weiteren kurz gehaltenen Erzählungen folgt abschließend ein Ende in Form eines Epilogs, welcher ruhig und unscheinbar wirkt und allein von Mignolas schaurigen Zeichnungen getragen wird. Das angehängte Skizzenbuch des genialen Künstlers lässt den Leser zu guter Letzt schmachtend und nachdenklich zurück.

The Amazing Screw-On Head und andere seltsame Dinge ist eine Anthologie, wie ich sie zuvor selten gesehen habe. Mignola wird seinem Ruf als herausragender Künstler und unbeschreiblich guter Autor hier mehr als gerecht und schafft ein seltsam anmutendes Werk, das sich irgendwo zwischen grotesker Ideen und grenzgenialer Umsetzung einordnen lässt. Der Einsatz von oftmals textlosen Panels, welche durch einen starken und klaren Strich und durch die poppenden Farben von Dave Stewart das Auge des Betrachters einfangen und es behutsam über die Seiten führen, lässt die einzelnen Geschichten ruhig und anmutig wirken. Die vielen sanft eingestreuten Querverweise zu anderen Teilen des Bandes verleihen dem Ganzen einen runden Charakter, der sich während des Lesens zunehmend offenbart. Die für Mignola so typischen viktorianischen Settings unterwerfen sich durchwegs dem gewollten Grusel, ohne jedoch kitschig zu wirken; ein Spagat, der sicherlich nicht jedem gelingt.

Mit The Amazing Screw-On Head hat mich Mike Mignola nicht nur positiv überrascht, sondern auch den Funken in mir entfacht, mich nun intensiver mit seinen Arbeiten auseinanderzusetzen. Zu sehr haben mich seine anmutig-schaurigen Zeichnungen Seite für Seite beeindruckt und zu sehr brachten mich seine ernsthaft-komischen Dialoge immer wieder zum Schmunzeln. Wer ebenso wie ich Lust darauf hat, seltsame Dinge zu entdecken, der sollte am besten hier zum Suchen beginnen.

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Titel: The Amazing Screw-On Head und andere seltsame Dinge
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US The Amazing Screw-On Head comic book, The Magician and the snake, and several new stories;
Autor: Mike Mignola
Zeichner: Mike Mignola & Dave Stewart
ISBN: 978-3-95981-565-9