American Gods: Schattenbuch 1/2


Dann erloschen die Lichter und Shadow sah die Götter.

Zugegebenermaßen begibt man sich immer auf gefährliches Terrain, wenn man beginnt, die Qualität eines Kunstwerkes mit dessen Verbreitung beziehungsweise dessen Erfolg gleichzusetzen. Gerade in einer von amerikanischer Popkultur geprägten Konsumlandschaft können solche Experimente daher häufig in die Hose gehen. In der heutigen Buchbesprechung wage ich mich ganz bewusst (und vielleicht sogar etwas provokant) auf dieses Glatteis und stelle die Behauptung auf, dass Neil Gaimans American Gods ein Meisterwerk erster Güte ist. Nicht zuletzt, da es medienübergreifend die Massen begeistert und der Stoff scheinbar seit beinahe 17 Jahren kaum an Aktualität einbüßt.

2001 veröffentlichte der Engländer einen Roman, der es schaffte, Figuren der klassischen Mythologie sowie Elemente der amerikanischen Folklore zu verbinden und diese Ideen fest in den Einwanderungs-Mythos der USA zu verankern. Zusätzlich implementierte er moderne Konzepte der Sozialwissenschaft und porträtierte die mythologischen Götter als Teil eines hochkomplexen Machtsystems, welches auf Legitimation angewiesen war und durch Konkurrenzkampf geprägt wurde. Gaimans Konzepte zündeten und das Buch wurde zum Kassenschlager. 2017 erschien die gleichnamige Fernsehserie und auch eine Comic-Adaption kam beinahe gleichzeitig auf den Markt. Letztere erregte auch die Aufmerksamkeit des deutschen Marktes und so liefert uns der Splitter Verlag die ersten fünf Ausgaben der genialen Serie und packt diese, wie für den Verlag üblich, in ein hochwertiges und schickes Hardcover.

Die Geschichte orientiert sich schablonenhaft an Gaimans ursprünglichem Roman und auch die Erzählweise erinnert trotz medienspezifischer Unterschiede an vielen Stellen stark an die Buchvorlage. Der Gefangene Shadow wird aufgrund des Ablebens seiner Frau vorzeitig aus seiner Haft entlassen und lernt im Zuge seiner Heimreise einen mysteriösen Mann kennen, der ihm einen Job anbietet. Nichtsahnend nimmt der junge Mann das Angebot an und findet sich bald inmitten eines uralten Konflikts wieder, der zwischen vor langer Zeit gestrandeten Göttern ausgetragen wird und dessen Ausmaß Shadow erst langsam zu begreifen beginnt.

Dass Gaiman auch in der Comic-Adaption auf bewährte Tugenden setzt und die Story, aufgrund ihrer Textlastigkeit, stellenweise an einen Prosatext erinnert, tut dem Ganzen keinen Abbruch. Mit Craig Russell als Co-Autor und Scott Hampton, der für die stimmigen Zeichnungen zuständig ist, präsentiert Gaiman ein Kreativ-Team, welches dem Titel mehr als gerecht wird. Die Geschichte entwickelt sich wie ein mythologisches Road Movie und liest sich wie eine Hymne auf die Grenzenlosigkeit Nordamerikas mit all seiner ethnischen Vielfalt und dutzenden lokalen Mythen. Groteske Elemente prallen auf klar ausgearbeitet Figuren und eine konzentrierte Plot-Entwicklung. Die für Neil Gaiman typischen psychedelischen Elemente entfalten sich somit behutsam in einer nicht von ständiger Vorwärtsbewegung getriebenen Umgebung und gipfeln nicht selten in karnevalesken Elementen.

Wer sich nun fragt, warum man sich den Comic zulegen sollte, obwohl man die anderen Versionen schon kennt, dem sei gesagt: Weil er verdammt gut ist! Trotz weniger Neuerungen, abgesehen von den Illustrationen, präsentiert sich American Gods, als Comic-Adaption, als ein absolutes Meisterwerk, welches sowohl Neueinsteiger als auch Gaiman-Fanatiker abholt und Seite für Seite zum Staunen einlädt.

BEWERTUNG: 5 von 5 Sternen

Titel: American Gods: Schatten Buch 1/2
Verlag: Splitter Verlag
Format: Hardcover
Originalausgaben: US American Gods #01-05
Autor: Neil Gaiman und P. Craig Russell
Zeichner: Scott Hampton
ISBN: 9-783962-190019