Oblivion Song Band 1

© Oblivion Song

Du hast den Kapuzenmann gesehen?“

Obwohl es viele Gründe gibt, warum Comic-Leser immer öfters zur US-Version greifen, dürfte in dieser Frage wohl die Aktualität des Originals einer der wichtigsten Punkte sein. Übersetzungsarbeiten und etwaige Anpassungen an den deutschen Markt beanspruchen Zeit und so entsteht schnell einmal eine halbjährige „Verspätung“ der jeweiligen Titel. Dieses Mal allerdings beschlossen Image Comics und der Cross Cult Verlag die Sache einmal umzudrehen und veröffentlichen den ersten Band der neuen Serie von Robert Kirkman, Oblivion Song, weit bevor in den USA das zweite Heft erscheint. Andersrum formuliert bedeutete das, dass Deutsch-Leser dieses Mal einen Wissensvorsprung haben und aufpassen sollten, den werten US-Lesern nicht den Inhalt zu spoilern. Mit großer Macht kommt bekanntlich auch große Verantwortung.

Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Nach dem Einfall diverser Kreaturen im Großteil Philadelphias, welcher gemeinhin als Transferenz bekannt ist, teilte sich die Menschheit in Überlebende und Verschollene auf. Die einen, die nach der Verarbeitung des Geschehenen ihr Leben in erschreckend gewohnter Manier fortsetzen und die anderen, die in den Weiten Oblivions gefallen zu sein scheinen. Nathan Cole, ein Mann, der scheinbar fest an seinen Prinzipien festhält, will dies allerdings nicht wahrhaben und führt eine zunächst von der Regierung finanzierte Rettungstruppe auf gefährlichen Missionen durch eine durch und durch verwüstete Welt voll von Ungeheuern und anderen Gefahren. Im Laufe der Zeit muss der vermeintliche Held allerdings feststellen, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen. Als er eines Tages eine Gruppe Überlebender trifft, wird er mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert: Nicht jeder möchte in die alte Welt zurückkehren.

Nach The Walking Dead und Outcast, welche sich eher im Horror-Bereich einfinden, macht sich Robert Kirkman mit Oblivion Song zu neuen Ufern auf und liefert ein spannendes Drama, welches Lust auf mehr macht. Wie üblich hat der preisgekrönte Autor seine Figuren stets im Griff und schafft es jedem Charakter seine ganz persönliche Note zu verleihen. Lorenzo De Felici steuert für diese Serie die Zeichnungen bei und legt einen lockeren, oftmals cartoonig-wirkenden, Stil an den Tag. Trotz eines doch recht konventionell gehaltenen Layouts und teils eher verzerrt-komischen Abbildungen sind es die Charaktermomente der einzelnen Figuren, welche De Felici’s Können untermalen. Die ausdrucksvolle Mimik, welche diverse Stimmungslagen Einzelner grandios vermenschlicht, ist sicherlich eine der größten Stärken dieser Serie. Ebenfalls positiv hervorzuheben sind die pfiffigen Farben, die von Annalisa Leoni stimmungsvoll eingesetzt werden und dem Ganzen den letzten Feinschliff verleihen.

Oblivion Song ist wieder einmal so eine Serie, die von Anfang bis Ende einfach pure Freude beim Lesen bereitet und mit ihrer schnellen Erzählstruktur sicherlich bei vielen punkten wird. Dass die Serie im deutschsprachigen Raum schon so weit vorangeschritten ist, stellt zudem eine Besonderheit dar, die man nicht alle Tage sieht. In Wahrheit lassen sich schwer Gründe finden, diese Serie nicht zu kaufen!

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Titel: Oblivion Song
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Oblivion Song #01-06
Autor: Robert Kirkman
Zeichner: Lorenzo De Felici & Annalisa Leoni
ISBN: 978-3-95981-771-4

Outcast 5

© Outcast Band 5

„Die Sünde ließ ihn von innen verrotten.“

In gewisser Weise sind Horrorgeschichten, so gruselig sie auch sein mögen, oftmals banale Erzählungen, die auf inhaltlicher Ebene jeglichen Anspruch vermissen lassen und sich rein auf ihre Schock- beziehungsweise Ekelmomente reduzieren lassen. Es sind Geschichten, die konzipiert wurden, um ihren Lesern das Fürchten zu lehren und ihnen das Blut in den Adern gefrieren zu lassen, jedoch völlig außer Acht lassen, diese Eigenschaften mit einem komplexen und vielschichtigen Inhalt zu verbinden, um so etwas zu erschaffen, das mehr ist als bloß blanker Horror. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel und so wird es wohl niemanden verwundern, dass auch der heutige Band abseits der gängigen Klischees einzuordnen ist. Denn Outcast als reine Horrorgeschichte abzustempeln und nicht weiter zu beachten, wäre, so viel sei an dieser Stelle gesagt, ein fataler Fehler.

Mittlerweile ist die Reihe bei Band 5 (Anm. d. Red. Nachzulesen ist die Rezension zu Band 4 hier) angelangt und schön langsam ergeben die schicken Hardcover Editionen von Cross Cult im Regal ein wirklich ansehnliches Bild. Nachdem uns der letzte Band mit einem üblen Cliffhanger zurückgelassen hat, überschlagen sich hier nun die Ereignisse. Kyle, der mittlerweile seine eigene Heimatstadt kaum noch betreten kann, lernt nicht nur einige brisante Details über seine Kräfte, sondern erfährt auch, dass er nicht der einzige Outcast in Rome ist. Währenddessen entwickelt sich Reverend Anderson immer mehr zu einem gefährlichen Fanatiker, der bereit ist, für seinen Glauben und die damit verbunden Mission über Leichen zu gehen. Die Kluft in der Gemeinschaft wird somit immer größer und die damit verbundenen Missverständnisse schwächen deren Zusammenhalt. In diesem Durcheinander scheint es so, als würden einige vergessen, wer hier wirklich der Feind ist – und der plant schon seinen nächsten Coup.

Robert Kirkman trifft auch mit diesem Band wieder voll ins Schwarze. Was vielversprechend und extrem ambitioniert begonnen hat, entwickelt sich immer mehr zu einem hochkomplexen Horror-Thriller. Outcast ist die perfekte Mischung aus düsterem Grusel und rationaler Furcht. Autor und Zeichner schaffen eine Welt, in der man fürchtet, was man nicht versteht und in der einfach nichts so ist, wie es scheint. Azacetas Zeichnungen sind, wie auch in den vorherigen Bänden, jedem Zweifel überhaben und sorgen in gewohnter Manier für ein mysteriös wirkendes Setting.

Dass die Serie gezielt einen Plan verfolgt und Kirkman die Leser geschickt häppchenweise mit Antworten füttert, ohne aber die Geschichte in die Länge zu ziehen, zeichnet Outcast als eine Reihe aus, die in keinem Regal fehlen sollte. Ich rate also jedem, sich zumindest die Zeit zu nehmen, ein paar Minuten darin zu blättern, denn ist man einmal dabei, lässt Outcast einen nicht mehr los.

BEWERTUNG: 4 1/2 von 5 Sternen
Titel: Outcast: Ein neuer Weg
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Outcast #25-30
Autor: Robert Kirkman
Zeichner: Paul Azaceta
ISBN: 9-783959-8-15499

Outcast 4

© Outcast 4

 

Wer bist du, den Willen Gottes zu verwehren?“

Dass Robert Kirkman ein Meister darin ist, altbekannten Konzepten neues Leben einzuhauchen, beweist er in mittlerweile 28 erschienen Bänden von The Walking Dead mehr als eindrucksvoll. Parallel zu den Zombies wagt sich der Amerikaner allerdings auch an ein ebenso stark etabliertes Genre heran und liefert mit Outcast eine Horror-Story, die uns tief in den Bereich des Exorzismus führt. Kirkman bedient sich für den Aufbau und für das Setting am Repertoire einer Enthüllungsgeschichte, indem er sowohl seine Figuren als auch die gezeigten Schauplätze mit einer gewissen Dramatik und Dunkelheit auflädt, die Lesern viel Spielraum für Interpretationen lassen. Zusätzlich unterwandert er immer wieder geschickt und sehr subtil genre-spezifische Stereotypen und schafft es dadurch, Spannung und Grusel aufrecht zu erhalten.

Im vierten Band dieser Reihe liefert uns der Autor erstmals Antworten auf einige der Fragen, die uns Lesern seit dem ersten Band unter den Fingernägeln brennen. Kyle, der sich mittlerweile seiner Kräfte bewusst ist, diese allerdings nicht zuordnen kann, gerät zunehmend in Bedrängnis und muss einige ungemütliche Entscheidungen treffen. Auch Reverend Anderson wird schonungslos mit Wahrheiten konfrontiert, die sein gesamtes Welt- und Glaubensbild heftig auf den Kopf stellen. Es scheint so, als ob in der Kleinstadt Rome, in West Virginia, weitaus mehr Menschen besessen sind, als er und Kyle bisher vermutet haben. Zu allem Überfluss steht nun auch der vermeintliche Feind direkt vor der eigenen Haustür und so müssen beide Protagonisten entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Eine Entscheidung, deren Folgen schwerwiegender nicht sein könnten.

Obwohl sich Kirkman mit The Walking Dead die Latte selbst sehr hoch gelegt hat, beweist er mit Outcast seit mittlerweile über zwei Jahren, dass er ein durchaus facettenreicher Schreiber ist. Hier glänzt er vor allem mit breitgefächerten Charakteren, die sich von Ausgabe zu Ausgabe weiterentwickeln und mit denen man sich, aufgrund ihrer authentischen Handlungen, leicht identifizieren kann. Zusätzlich schafft es Kirkman immer die richtigen Zeichner ins Boot zu holen und hat mit Paul Azaceta wohl einen der begabtesten Künstler der Szene an Board. Der Mann ist ein Meister seines Faches und überzeugt durch eine geniale Farbwahl und einem ausgeklügeltem Licht-Schattenwechsel, der großen Anteil an der düsteren Atmosphäre hat. Zusätzlich etabliert Azaceta seit dem ersten Band eine sehr eigenwillige und repetitive Panelstruktur, die perfekt mit Kirkmans eher mäßigem Erzähltempo harmoniert und so eine belastend dunkle Stimmung erzeugt.

Allein aufgrund der bereits angesprochenen Charakterentwicklung würde ich jedem dringend raten, bei Band eins einzusteigen, um so die Story in voller Länge genießen zu können. Der vorliegende Band eignet sich allerdings auch bestens als Einstieg, da genau hier ein neuer Abschnitt beginnt und man somit der Geschichte problemlos folgen kann. Wie man es auch dreht und wendet, Outcast ist und bleibt ein unumgänglicher Pflichtkauf.

BEWERTUNG: 4 ½ von 5 Sternen

Euer Stefan

Titel: Outcast: In den Fängen des Teufels
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Outcast #19-24
Autor: Robert Kirkman
Zeichner: Paul Azaceta
ISBN: 9-783959-8-10852