Saga 8

© Saga Vol. 8


Wenn wir alle etwas mehr an unserem Leben hingen, statt es so eilige zu haben, alles bis zum Tod zu verteigen, wäre das Universum ein viel weniger gruseliger Ort.“

Die besten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben. Vielleicht ist genau dies der Grund, warum Saga seit der Veröffentlichung des ersten Heftes, die Leser elektrisiert und begeistert. Die Grundidee, welche stark an Shakespeares Romeo und Julia erinnert, ist schnell erklärt: Zwei tief gespaltene Völker können irgendwann ihre Differenzen nicht mehr überbrücken und so bricht ein Krieg aus, der aus diversen Gründen allerdings schnell durch dutzende Stellvertreterkriege von den jeweiligen Heimatplaneten ferngehalten wird. Inmitten dieser trostlosen Lage erblickt allerdings ein Kind das Licht der Welt. Hazel, wie das junge Mädchen genannt wird, entpuppt sich nicht nur als Erzählerin der Geschichte, sondern auch als eine einzigartige Erscheinung: Niemand sonst in der Galaxie hat Eltern, die eigentlich Feinde sein sollten. Dass dies einigen kriegslustigen Machthabern ein Dorn im Auge ist, versteht sich von selbst.

Brian K. Vaughan nutzt diese Ausgangslage wie ein Schachbrett und positioniert seine (wie sollte es auch anders sein) vielfältigen Figuren so, dass sie stets mit dem Unvorhersehbaren rechnen müssen. Die stark durch science-fiction-lastige Elemente geprägte Serie, die weder mit Gewaltdarstellungen noch mit Sexualität spart, entfaltet ihre Genialität jedoch abseits dieses künstlerischen Deckmantels. In verklärter Form, erzählt Vaughan eine Geschichte, die dem Leser nur allzu vertraut ist, ohne aber klischeehafte Motive zu verwenden. Die kongenialen Zeichnungen von Fiona Staples, die mit ihrem klaren Stil und aberwitzigen Ideen der Serie den letzten Schliff verleiht, heben die Serie zusätzlich auf ein Level, von dem andere nur träumen können.

Im mittlerweile achten Band, den Cross Cult in gewohnter Manier im schicken Hardcover veröffentlicht, müssen Marko und Alana sehen, wie sie mit den Geschehnissen des letzten Bandes umgehen wollen. Da viel auf dem Spiel steht, formiert sich die kleine, aber feine Truppe neu und versucht gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten. Unterdessen bekommen wir nach und nach Einblick in die Biographie Petrichors und beginnen zu verstehen, woher sein schwermütiger Charakter rührt.

Obwohl die Serie also bereits weit fortgeschritten ist, steht einem Einstieg auch mit diesem Band nichts im Wege. Zu gut strukturiert Vaughan seine Erzählung, als dass man völlig auf der Strecke bleiben würde und zu bewegend sind die Ereignisse auch in diesem Band, als dass man besagten Einstieg unterlassen sollte. Wer allerdings das volle Programm haben möchte, und dies ist sicherlich die zu präferierende Variante, der kann getrost bei Band 1 beginnen und sich nach und nach vorarbeiten. Denn eines ist sicher, über Saga wird man noch einige Jahre sprechen.

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Titel: Saga
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Saga #43-48
Autor: Brian K. Vaughan
Zeichner: Fiona Staples

Paper Girls 3

© Paper Girls #11


Die Nerds hatten recht. Y2K passiert wirklich.“

Die Lektüre von Paper Girls (Anm.d.Red: Die Rezension von Band 2 kann man hier nachlesen. Spoilergefahr droht überall.) lässt sich am besten mit einer Fahrt auf dem Kettenkarussell in einem Vergnügungspark beschreiben. Während zu Beginn Neugier, Nervenkitzel und eine leichte Nervosität überwiegen, folgt dicht darauf der Start, welcher Tür und Tor für einen Endorphin-Cocktail öffnet. Erst nach der Fahrt, wenn sich der Puls wieder auf ein normales Niveau einpendelt und der Angstschweiß getrocknet ist, beginnt man tatsächlich zu realisieren, was denn gerade passiert ist. Nervosität und Angst weichen einer gewissen Selbstsicherheit und obwohl man denkt, alles erlebt zu haben, wird man von Fahrt zu Fahrt immer wieder aufs Neue in Ekstase versetzt. So und nicht anders lässt sich wohl der Erfolg der Besitzer dieses metaphorischen Kettenkarussells beschreiben, denn Brian K. Vaughan und Cliff Chiang liefern auch mit dem bereits dritten Band der preisgekrönten Serie ein Sci-Fi Erlebnis, welches alle Regeln außer Kraft setzt. Also schließt die Sicherheitsbügel und haltet euch fest: Die Fahrt beginnt.

Nachdem Erin, Mac und Tiffany nun endlich wieder mit KJ vereint sind, müssen die vier Mädchen feststellen, dass sie das Zeitfenster, in das sie gesprungen waren, nicht wie erhofft in das Jahr 1988 zurückbrachte. Stattdessen finden sich die Heldinnen allesamt in einer abgedrehten Urzeit wieder, die, wie sollte es auch anders sein, voll verrückter Überraschungen steckt. Zu allem Überfluss wird die Gruppe nach einem Angriff erneut getrennt und Erin und Tiffany müssen versuchen Mac und KJ vor den mysteriösen drei Männern zu retten, die in dieser Zeit Angst und Schrecken verbreiten. Unterstützung erhalten sie hierbei von der jungen Mutter Wari und einer weiteren Zeitreisenden. Ob sie wohl die Fragen der Mädchen beantworten kann?

Auch im dritten Teil der Serie, die im handlichen Hardcover-Format bei Cross Cult erscheint, bleibt Vaughan seiner Linie treu und lässt seine Protagonistinnen immer tief in einen Sumpf voller Rätsel waten. Stets darauf bedacht der Leserin alles abzuverlangen, ohne sie dabei zu überfordern oder gar komplett zu verwirren, schmückt der talentierte Kanadier die Geschichte mit knackigen Dialogen und vergnügten Pop-Referenzen, die sich von Stephen King bis hin zu Calvin und Hobbes erstrecken. Das breit gespannte Netz der Verwirrung, welches sicherlich bewusst über einen oberflächlich simpel erscheinenden Plot gespannt wird, lässt dennoch Raum für tiefgreifende Einblicke in das Bewusstsein der einzelnen Figuren. Körperliche und seelische Entwicklungsschritte auf dem Weg zum Erwachsensein sind ebenso Thema wie Antisemitismus und Sexismus. In einer unaufgeregten und nüchternen Art und Weise bauen Vaughans Texte und Chiangs fantastisch-anmutenden Zeichnungen vier starke weibliche Teenager auf, die weitaus mehr sind als einfache Zeitungsmädchen aus Ohio.

Möchte man das Haar in der Suppe finden, so könnte man anmerken, dass der komplexe Aufbau der Geschichte etwas das Tempo nimmt. Die Zeit, die sich Vaughan nimmt, um seine Figuren auszuformulieren und das stetige World-building fordern im dritten Band nun erstmals ihren Tribut und bremsen den Leser erst einmal aus. Auch im Bezug auf offene Fragen liefern diese 5 US – Issues vorläufig keine wirklich erwähnenswerten Erkenntnisse.

Dass Vaughan allerdings weiß, was er tut und hinter diesem Wirrwarr ein fein durchdachter Plan steht, dürfte hinlänglich bekannt sein. Einem Autor seines Kalibers, der seit Jahren mit Preisen überhäuft wird, schenkt man somit gerne ein paar Vorschusslorbeeren. So oder so, die Paper Girls muss man einfach lieben!

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Titel: Paper Girls
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Paper Girls #11-15
Autor: Brian K. Vaughan
Zeichner: Cliff Chiang & Matt Wilson
ISBN: 978-3-95981-561-1

Paper Girls 2

© Paper Girls


„Das Hier und Jetzt ist weder hier noch jetzt.“

Den meisten ist der Name Brian K. Vaughan vor allem im Bezug auf die Erfolgsserie Saga, welche Jahr für Jahr fröhlich Eisner-Awards hamstert, ein Begriff. Zuvor lieferte uns der talentierte Autor aus Cleveland allerdings auch schon Meilensteine wie Y: The Last Man oder Die Löwen von Bagdad. Für sein neuestes Projekt widmet er sich nun gemeinsam mit Zeichner Cliff Chiang und dem Koloristen Matt Wilson einer farbenfrohen Science-Fiction Serie, welche sich Paper Girls nennt.

Die Geschichte knüpft nahtlos an den ersten Band an und so kommt es gleich zu Beginn zu einer verheißungsvollen Begegnung. Erin Tieng, die vermeintliche Protagonistin, trifft in Begleitung der anderen Mädchen auf ihr zukünftiges Ich und muss erfahren, dass viele Dinge wohl doch nicht so gelaufen sind, wie sie sich das erhofft hätte. Formten im ersten Teil der Serie noch die späten 1988er Jahre die zeitliche Rahmung der Geschichte, so müssen die Teenager nun die bittere Realität des Jahres 2016 in Kauf nehmen. Diese wirkt wiederum, trotz Flatscreen TVs und Smartphones, weitaus trostloser, als gedacht. Doch eigentlich sind diese Erkenntnisse nur Randnotizen. Vielmehr müssen Erin, Mac und Tiffany schleunigst versuchen, das letzte Mitglied ihrer Gruppe zu finden. Denn wie es scheint, wurde KJ in einer anderen Zeit abgesetzt …

Man könnte meinen, dass sich Paper Girls schablonenhaft am Aufbau einer Zeitreise-Story orientiert und dahingehend wenig innovativ ist. Man würde dem Werk allerdings nicht gerecht werden, indem man es nur auf seine Struktur reduziert. Paper Girls ist eine dieser Geschichten, in welcher die Story den Themen weichen muss. Zugegeben, Vaughan drückt dem Ganzen durch den Einsatz zahlreicher abgedrehter Elemente wie berittene Flugsaurier oder Godzilla ähnlichen Bärentierchen, welche in teils abstruser Art und Weise auftreten, doch seinen sehr persönlichen Stempel auf. Dennoch würde ich meinen, dass die große Stärke dieser Serie in den Charakteren und deren Handlungsfeldern zu finden ist. Die großartigen Zeichnungen von Cliff Chiang und die fantastische Kolorierung von Matt Wilson erwecken die Welt(en), in denen sich die Mädchen tummeln, zum Leben und schaffen es, Seite für Seite für „Wow-Momente“ zu sorgen. Wie üblich spart Vaughan auch in Paper Girls nicht mit gesellschaftlicher Kritik. Subtil und oft nur rudimentär wahrnehmbar werden Probleme unserer Zeit angesprochen, ohne dass sie direkt benannt werden. Ohne die Handlung zu unterbrechen, entsteht somit eine Art Verfremdungseffekt, der jegliche Illusion im Keim erstickt. Am Ende bleibt eine herzerwärmende Geschichte über Freundschaft und der Sehnsucht nach einer besseren Welt. Unbedingt zugreifen!

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Euer Stefan

Titel: Paper Girls Band 2
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Paper Girls #06-10
Autor: Brian K. Vaughan
Zeichner: Cliff Chiang & Matt Wilson
ISBN: 978-3-95981-410-2