Kill or be killed Band 1

© Kill or be killed

Die Welt ist scheiße heutzutage, und wir alle wissen es.“

Es gibt zwei Sorten von Comic-Lesern: Die einen, oftmals liebevoll Marvel-Zombies genannt, die ihren Helden bedingungslos folgen und prinzipiell alles kaufen, was der Verlag so publiziert. Und die anderen, die ihre Lektüre eher nach Autoren, Zeichnern oder dem kompletten Kreativteam auswählen. Oftmals liegt die Wahrheit allerdings genau dazwischen und führt unweigerlich zu einem monatlichen Ringen beider Typen um die Vorherrschaft über die persönliche Pull-List. Mit Ed Brubakers und Sean Phillips neuester Kreation, Kill or be Killed, wird wohl die zweite Type auf seine Kosten kommen, stehen diese Namen doch seit Jahren für einen garantierten Lesegenuss der besonderen Art. Warum dieser Band in die gleiche Kerbe schlägt wie die vorherigen Kooperationen der beiden Künstler und sich dennoch ein wenig anders anfühlt, sollen die folgenden Zeilen klären.

Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch scheint Dylan zunehmend wieder in die Spur zu finden. Obwohl der 28-Jährige nach wie vor die Einsamkeit und den Rückzug in seine eigene Gedankenwelt vorzieht, geht es langsam bergauf. Grund dafür ist seine Kindheitsfreundin Kira, die für ihn eine Art Rückhalt darstellt und ihm die Einsamkeit erträglicher macht. Als diese jedoch eine Beziehung zu Dylan’s Mitbewohner beginnt, beschließt der labile Student, sich erneut das Leben zu nehmen. Dem neuerlich Scheitern folgt diesmal allerdings kein Aufenthalt im Krankenhaus, sondern ein kurzer Besuch aus der Hölle. Ein Dämon befällt den jungen Mann und rühmt sich als sein vermeintlicher Retter. Im Gegenzug verlangt die brutale Erscheinung ein Tribut, das Dylan zu liefern hat. Ein schlechter Mensch, der es verdient hat zu sterben, muss monatlich das Zeitliche segnen, um ihn am Leben zu halten. Geschockt und verzweifelt beginnt Dylan, nach einer kurzen Phase des Leugnens, seine dunkle Mission. Dabei lernt der verletzliche Mann nicht nur die Schattenseiten der derzeitigen Gesellschaft kennen, sondern muss feststellen, dass ihm das Töten gar nicht so ungelegen kommt …

Dass Brubaker und Phillips für Geschichten dieser Art prädestiniert sind, stellten die beiden Künstler in den vergangen Jahren mit Titel wie Fatale und The Fade Out eindrucksvoll unter Beweis. In Kill or be Killed lassen die beiden englischsprachigen Künstler einmal mehr die Muskeln spielen und kreieren unter kräftiger Mithilfe von Elizabeth Breitweiser, deren ausgeklügelte Farbgebung dem Ganzen den letzten Schliff verleiht, eine psychologisch anspruchsvolle und gesellschaftskritische Geschichte, die mit gnadenloser Härte einschlägt. Die durchgehende Präsenz von seelischer und körperlichen Gewalt, die schlussendlich in einer Legitimation zum Morden gipfelt, zieht einen langen Schweif an Ballast mit sich, welcher von den Figuren getragen wird. Phillips’ typische Anordnung der Panel, welche den verstörten Charakter Dylans mehr als gekonnt darstellen, harmonieren in beängstigender Leichtigkeit mit der fragilen Psyche der Hauptfigur. Die visuellen Brüche, die sich auch in Dylans Schilderungen bemerkbar machen, lassen den Leser den Wahrheitsgehalt seiner Erzählung zunehmend hinterfragen. Der daraus resultierende Versuch, eine sich ständig ändernde Wirklichkeit greifen zu können, regt zu einer differenzierten Charakterstudie an und erstickt klischeehafte Erklärungsversuche im Keim.

Die Entscheidung des Splitter-Verlags, diese anspruchsvolle Serie in den deutschsprachigen Raum zu bringen, erweist sich schon nach der Lektüre des ersten Bandes als goldrichtig. Inwiefern Kill or be Killed weiter zu überraschen weiß und welche Auswirkungen der brillant gesetzte Cliffhanger auf die Story haben wird, werden die nächsten Bände hoffentlich in ähnlicher Manier zeigen.

BEWERTUNG: 4 von 5 Sternen

Titel: Kill or be Killed
Verlag: Splitter Verlag
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Kill or be Killed Vol. 1
Autor: Ed Brubaker
Zeichner: Sean Philips & Elizabeth Breitweiser

American Gods: Schattenbuch 1/2


Dann erloschen die Lichter und Shadow sah die Götter.

Zugegebenermaßen begibt man sich immer auf gefährliches Terrain, wenn man beginnt, die Qualität eines Kunstwerkes mit dessen Verbreitung beziehungsweise dessen Erfolg gleichzusetzen. Gerade in einer von amerikanischer Popkultur geprägten Konsumlandschaft können solche Experimente daher häufig in die Hose gehen. In der heutigen Buchbesprechung wage ich mich ganz bewusst (und vielleicht sogar etwas provokant) auf dieses Glatteis und stelle die Behauptung auf, dass Neil Gaimans American Gods ein Meisterwerk erster Güte ist. Nicht zuletzt, da es medienübergreifend die Massen begeistert und der Stoff scheinbar seit beinahe 17 Jahren kaum an Aktualität einbüßt.

2001 veröffentlichte der Engländer einen Roman, der es schaffte, Figuren der klassischen Mythologie sowie Elemente der amerikanischen Folklore zu verbinden und diese Ideen fest in den Einwanderungs-Mythos der USA zu verankern. Zusätzlich implementierte er moderne Konzepte der Sozialwissenschaft und porträtierte die mythologischen Götter als Teil eines hochkomplexen Machtsystems, welches auf Legitimation angewiesen war und durch Konkurrenzkampf geprägt wurde. Gaimans Konzepte zündeten und das Buch wurde zum Kassenschlager. 2017 erschien die gleichnamige Fernsehserie und auch eine Comic-Adaption kam beinahe gleichzeitig auf den Markt. Letztere erregte auch die Aufmerksamkeit des deutschen Marktes und so liefert uns der Splitter Verlag die ersten fünf Ausgaben der genialen Serie und packt diese, wie für den Verlag üblich, in ein hochwertiges und schickes Hardcover.

Die Geschichte orientiert sich schablonenhaft an Gaimans ursprünglichem Roman und auch die Erzählweise erinnert trotz medienspezifischer Unterschiede an vielen Stellen stark an die Buchvorlage. Der Gefangene Shadow wird aufgrund des Ablebens seiner Frau vorzeitig aus seiner Haft entlassen und lernt im Zuge seiner Heimreise einen mysteriösen Mann kennen, der ihm einen Job anbietet. Nichtsahnend nimmt der junge Mann das Angebot an und findet sich bald inmitten eines uralten Konflikts wieder, der zwischen vor langer Zeit gestrandeten Göttern ausgetragen wird und dessen Ausmaß Shadow erst langsam zu begreifen beginnt.

Dass Gaiman auch in der Comic-Adaption auf bewährte Tugenden setzt und die Story, aufgrund ihrer Textlastigkeit, stellenweise an einen Prosatext erinnert, tut dem Ganzen keinen Abbruch. Mit Craig Russell als Co-Autor und Scott Hampton, der für die stimmigen Zeichnungen zuständig ist, präsentiert Gaiman ein Kreativ-Team, welches dem Titel mehr als gerecht wird. Die Geschichte entwickelt sich wie ein mythologisches Road Movie und liest sich wie eine Hymne auf die Grenzenlosigkeit Nordamerikas mit all seiner ethnischen Vielfalt und dutzenden lokalen Mythen. Groteske Elemente prallen auf klar ausgearbeitet Figuren und eine konzentrierte Plot-Entwicklung. Die für Neil Gaiman typischen psychedelischen Elemente entfalten sich somit behutsam in einer nicht von ständiger Vorwärtsbewegung getriebenen Umgebung und gipfeln nicht selten in karnevalesken Elementen.

Wer sich nun fragt, warum man sich den Comic zulegen sollte, obwohl man die anderen Versionen schon kennt, dem sei gesagt: Weil er verdammt gut ist! Trotz weniger Neuerungen, abgesehen von den Illustrationen, präsentiert sich American Gods, als Comic-Adaption, als ein absolutes Meisterwerk, welches sowohl Neueinsteiger als auch Gaiman-Fanatiker abholt und Seite für Seite zum Staunen einlädt.

BEWERTUNG: 5 von 5 Sternen

Titel: American Gods: Schatten Buch 1/2
Verlag: Splitter Verlag
Format: Hardcover
Originalausgaben: US American Gods #01-05
Autor: Neil Gaiman und P. Craig Russell
Zeichner: Scott Hampton
ISBN: 9-783962-190019