Negan ist hier! Das Interview mit Charlie Adlard

© Negan ist hier – Crosscult

Während letzte Woche noch über Negans Vergangenheit berichtet wurde und ich mir Negan ist hier! einmal genauer angesehen habe, ermöglicht uns Cross Cult diese Woche ein Interview mit niemand geringerem als Charlie Adlard, dem Zeichner der The Walking Dead Serie, der natürlich auch Negans’ Herkunftsgeschichte in Szene setzt. Wie er die Figur und dessen Entwicklung sieht und wie seine Arbeit mit Robert Kirkman generell aussieht, könnt ihr im folgenden Gespräch nachlesen:

Stefan: Wann haben sich Du und Robert Kirkman dazu entschieden, Negan eine Origin Story zu spendieren und wieso?

Charlie: Negan hat generell eine etwas andere Entstehungsgeschichte im Vergleich zu anderen Figuren aus The Walking Dead. Normalerweise sendet mir Robert immer seine Vorstellungen zu einem Charakter und ich fertige dazu ein paar Sketche an. Negan bildet da eine Ausnahme. Es entstanden damals sechs verschiedene Cover, die jeweils einzelne Figuren und deren Waffen zeigten. So wollten wir die Saviors einführen. Eines der Cover zeigte einen Typen mit Lederjacke und einem Baseballschläger, welcher mit Stacheldraht umwickelt war. Später erzählte mir Robert, dass er keine Ahnung hatte, wie Negan aussehen sollte, bis er meine Zeichnung sah. Also nahmen wir das als Basis für den Charakter fügten noch einige Details hinzu, die Robert vorschlug, und Negan war geboren.

S: Origin Stories sind ja immer ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sind die Leser neugierig, wie die Biographie einer Figur aussieht, auf der anderen Seite nimmt man dem Charakter, wenn man zu viel verrät, oftmals seine interessanten Aspekte. Wie stehst du zu dieser Zwickmühle?

C: Ich habe das eigentlich nie wirklich als eine Zwickmühle gesehen. Vielleicht liegt es auch daran, dass das eher ein Frage ist, die den Autor und nicht so sehr den Zeichner betrifft. Dennoch kann ich dazu sagen, dass wir bewusst auf detaillierte Origin-Stories in The Walking Dead verzichtet haben. In erster Linie deshalb, weil die Serie auf das Hier und Jetzt fokussiert ist und keinerlei Herkunftsgeschichten bedarf. Bei Negan wurde uns allerdings schnell bewusst, dass wir, aufgrund seiner Entwicklung innerhalb der Serie, UNBEDINGT auf seine Vergangenheit eingehen mussten. Also spendierten wir ihm eine separate Origin-Story, die wir als abgeschlossene Geschichte veröffentlichten. Ich bin der Meinung, dass diese dem Charakter einiges gegeben hat und Negan vom gewöhnlichen Schurken zu einer der wohl am besten verstandenen Figuren innerhalb der Geschichte wurde. Wen du mich fragst, ist er mittlerweile einer der faszinierendsten Charaktere innerhalb der Serie.

S: Wie viel Charlie Adlard steckt in den Figuren von The Walking Dead und wie viel steckt insbesondere in dem Charakter von Negan?

C: Also, da ich die gesamten Figuren zeichne, würde ich sagen mein Anteil liegt bei 50%. Und so sollte das übrigens bei jedem guten Comic aussehen: Autor und Zeichner sind jeweils zur Hälfte am Ergebnis beteiligt. So läuft das nun mal. Ist der Anteil von einer der beteiligten Personen zu hoch, dann wirkt die Serie unausgeglichen und auf einmal, ist das Endprodukt nicht mehr so, wie ein Comic nun einmal sein sollte.

S: Negans Geschichte ist von persönlichen Verlusten geprägt, die er oftmals durch den Gebrauch von vulgärer Sprache und Gewalt kompensiert. Wie gehst du vor, um diese Emotionen auch zeichnerisch auf den Leser wirken zu lassen?

C: Das ist natürlich die große Herausforderung in The Walking Dead. Es geht immer nur um die Figuren und deren Emotionen. Das ist es aber auch, was ich an der Serie so schätze und was mich an ihr begeistert. Es ist oftmals eine Herausforderung, aber das ist auch der Grund, warum ich seit über 170 Einzelheften noch immer an der Serie beteiligt bin. Sicherlich ist es oft nicht leicht, aber wo wäre denn der Spaß, wenn es immer so einfach wäre? Es würde mit der Zeit langweilig werden und das würde man natürlich auch in meinen Zeichnungen sehen.

S: In Negan ist hier! gibt es einige Panels, die komplett ohne Text auskommen und trotzdem (oder sogar deswegen) eine starke Aussagekraft haben. Inwiefern unterscheidet sich der kreative Prozess des Erstellens solcher Panels im Vergleich zu denen mit Text/Dialogen?

C: Schlussendlich bin ich immer verantwortlich, eine Geschichte zu erzählen. Und gerade bei Comics ist das sicherlich das Wichtigste. Natürlich wird immer über die großartige Schreibweise und die phänomenalen Zeichnungen geredet, dennoch, am Ende steht immer die Geschichte selbst. Wenn ich keine Geschichte ohne Dialoge erzählen könnte, dann wäre ich falsch in meinem Beruf und sollte kein Comic Zeichner sein.

S: Wie viele künstlerische Freiheiten hast du als Zeichner der Serie? Man liest ja immer wieder über Autoren die strikte Vorgaben haben, aber auch jene, die dem jeweiligen Zeichner viele Freiräume einräumen? Was für ein Typ ist Robert Kirkman?

C: Robert ist ein Minimalist was das angeht – und das gefällt mir. So habe auch ich mehr Spielraum innerhalb des Skripts und es fühlt sich nicht so an, als ob ich an alles gebunden wäre, was der Autor schreibt. Wie ich schon sagte, ich trage genau so viel zur Geschichte bei wie Robert. Er liefert das bestmögliche Skript und ich lasse anschließend meine Phantasie spielen. Außerdem arbeiten wir mittlerweile seit 14 Jahren Monat für Monat zusammen. Wenn wir während all dieser Zeit keinerlei Gespür für den anderen bekommen hätten, würde etwas gewaltig falsch laufen.

Vielen Dank für das Interview!

Und vielen Dank an den Cross Cult-Verlag, der dieses Interview möglich gemacht hat!

Here’s Negan

© Here’s Negan

„Es ist Zeit, dass ich euch von Lucille erzähle.“

Wir Comicleser sind schon eine eigenartige Spezies: Gewohnheitstiere durch und durch und dennoch stets darauf bedacht, nach Veränderungen zu lechzen, um eben diese, sollten sie wirklich eintreten, heftig zu kritisieren. Ein ähnliches Phänomen lässt sich auch bei Charakterbiographien, den sogenannten Origin-Stories, beobachten. Wissbegierig und in stetiger Erwartungshaltung streben wir danach, möglichst viel über die Figuren, denen wir treu ergeben sind, zu erfahren. Dieser Wunsch wird uns zwar häufig erfüllt, denn beinahe allen großen Charakteren wurde mindestens eine solche Herkunftsgeschichte spendiert, dennoch rutschen wir immer wieder in das alte Muster und beschweren uns über genau das, was wir uns ursprünglich gewünscht haben. Mit diesen und noch vielen anderen typischen Verhaltensmustern von uns Fanboys und Fangirls sehen sich Comicverlage und deren Autoren täglich konfrontiert und müssen kontinuierlich lernen, damit umzugehen. Robert Kirkman und Charlie Adlard wagen sich trotz der beschriebenen Umstände aufs Glatteis und veröffentlichen in einem abgeschlossenen Band die Herkunftsgeschichte des wohl berüchtigtsten fiktionalen Schurken Virginias: Negan!

Wer die Comicserie, welche im schicken Hardcover bei Cross Cult erscheint, oder die gleichnamige Fernsehserie von The Walking Dead regelmäßig verfolgt, der weiß, mit welcher Sorte Mensch man es zu tun bekommt, wenn Negan den Raum betritt. In ständiger Begleitung seiner geliebten Lucille, einem Baseballschläger, der mit Stacheldraht umwickelt wurde, hatte dieser Mann schon mehrmals die Gelegenheit sich dem Leser beziehungsweise dem Zuseher von seiner besten Seite zu präsentieren. Brutal, rücksichtslos und durchwegs gut gelaunt lässt uns Negan immer wieder aufs Neue innerlich zusammenzucken. Doch was musste geschehen, um solch einen Psychopathen hervorzubringen und wie war er, bevor die Welt den Bach runter ging? Diese und weitere Fragen greifen Kirkman und Adlard im vorliegenden Band, Negan ist hier!, auf und gewähren dem Leser Einblicke in sein Leben.

Auf 76 Seiten erzählen Autor und Zeichner eine Geschichte, die dem selben Schema folgt wie die Hauptserie und uns gnadenlos unangenehme Realitäten vor Augen führt. In einer für Kirkman ungewohnt flotten Art wird hier das Bild eines Mannes gezeichnet, welcher Schwierigkeiten hat, seine Gefühle zu zeigen und zu kontrollieren. Ein tragischer Schicksalsschlag drängt ihn zunehmend in die soziale Isolation und lässt ihn emotional abstumpfen. Durch seinen unbändigen Überlebenswillen und einen stark ausgeprägten Beschützerinstinkt überlebt Negan die ein oder andere ausweglose Situation und wird dadurch immer mehr zu einer Führungsfigur innerhalb diverser Gruppierungen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass genau diese und noch weitere Attribute auch auf Rick Grimes zutreffen. Neben weiteren Details aus Negans Vergangenheit und der Bedeutung einzelner Habseligkeiten vermeiden es Kirkman und Adlard zu viel zu verraten und damit der Figur einiges an Tiefe zu rauben. Auch der klassischen Transformationsgeschichte, in der ein Ereignis einen Menschen komplett verändert, kehren sie den Rücken und zeigen Negan von Beginn an als einen sozialen Grenzgänger, dessen Leben von Auf und Abs gekennzeichnet ist. Vielleicht ist genau das die größte Überraschung in diesem Band.

Ob ein eigener Comic wirklich nötig war, um den geneigten Leser auf die Komplexität der Figur hinzuweisen, bleibt wie üblich die Gretchenfrage, welche jeder für sich selbst beantworten muss. Ohne zu viel vorwegzunehmen lässt sich dennoch sagen, dass Negan ist hier! sicherlich eine nette Ergänzung zur Hauptserie ist, die einen weder langweilt, noch die Freude an der Figur nimmt. Allein dies ist auf jeden Fall ein Qualitätsmerkmal, mit dem nicht jede Origin-Story punkten kann.

BEWERTUNG: 3 von 5 Sternen
Titel: Negan ist hier!
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: The Walking Dead: Here’s Negan!
Autor: Robert Kirkman
Zeichner: Charlie Adlard & Cliff Rathburn
ISBN: 978-3-95981-630-4

Outcast 4

© Outcast 4

 

Wer bist du, den Willen Gottes zu verwehren?“

Dass Robert Kirkman ein Meister darin ist, altbekannten Konzepten neues Leben einzuhauchen, beweist er in mittlerweile 28 erschienen Bänden von The Walking Dead mehr als eindrucksvoll. Parallel zu den Zombies wagt sich der Amerikaner allerdings auch an ein ebenso stark etabliertes Genre heran und liefert mit Outcast eine Horror-Story, die uns tief in den Bereich des Exorzismus führt. Kirkman bedient sich für den Aufbau und für das Setting am Repertoire einer Enthüllungsgeschichte, indem er sowohl seine Figuren als auch die gezeigten Schauplätze mit einer gewissen Dramatik und Dunkelheit auflädt, die Lesern viel Spielraum für Interpretationen lassen. Zusätzlich unterwandert er immer wieder geschickt und sehr subtil genre-spezifische Stereotypen und schafft es dadurch, Spannung und Grusel aufrecht zu erhalten.

Im vierten Band dieser Reihe liefert uns der Autor erstmals Antworten auf einige der Fragen, die uns Lesern seit dem ersten Band unter den Fingernägeln brennen. Kyle, der sich mittlerweile seiner Kräfte bewusst ist, diese allerdings nicht zuordnen kann, gerät zunehmend in Bedrängnis und muss einige ungemütliche Entscheidungen treffen. Auch Reverend Anderson wird schonungslos mit Wahrheiten konfrontiert, die sein gesamtes Welt- und Glaubensbild heftig auf den Kopf stellen. Es scheint so, als ob in der Kleinstadt Rome, in West Virginia, weitaus mehr Menschen besessen sind, als er und Kyle bisher vermutet haben. Zu allem Überfluss steht nun auch der vermeintliche Feind direkt vor der eigenen Haustür und so müssen beide Protagonisten entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Eine Entscheidung, deren Folgen schwerwiegender nicht sein könnten.

Obwohl sich Kirkman mit The Walking Dead die Latte selbst sehr hoch gelegt hat, beweist er mit Outcast seit mittlerweile über zwei Jahren, dass er ein durchaus facettenreicher Schreiber ist. Hier glänzt er vor allem mit breitgefächerten Charakteren, die sich von Ausgabe zu Ausgabe weiterentwickeln und mit denen man sich, aufgrund ihrer authentischen Handlungen, leicht identifizieren kann. Zusätzlich schafft es Kirkman immer die richtigen Zeichner ins Boot zu holen und hat mit Paul Azaceta wohl einen der begabtesten Künstler der Szene an Board. Der Mann ist ein Meister seines Faches und überzeugt durch eine geniale Farbwahl und einem ausgeklügeltem Licht-Schattenwechsel, der großen Anteil an der düsteren Atmosphäre hat. Zusätzlich etabliert Azaceta seit dem ersten Band eine sehr eigenwillige und repetitive Panelstruktur, die perfekt mit Kirkmans eher mäßigem Erzähltempo harmoniert und so eine belastend dunkle Stimmung erzeugt.

Allein aufgrund der bereits angesprochenen Charakterentwicklung würde ich jedem dringend raten, bei Band eins einzusteigen, um so die Story in voller Länge genießen zu können. Der vorliegende Band eignet sich allerdings auch bestens als Einstieg, da genau hier ein neuer Abschnitt beginnt und man somit der Geschichte problemlos folgen kann. Wie man es auch dreht und wendet, Outcast ist und bleibt ein unumgänglicher Pflichtkauf.

BEWERTUNG: 4 ½ von 5 Sternen

Euer Stefan

Titel: Outcast: In den Fängen des Teufels
Verlag: Cross Cult
Format: Hardcover
Originalausgaben: US Outcast #19-24
Autor: Robert Kirkman
Zeichner: Paul Azaceta
ISBN: 9-783959-8-10852